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Alles ist gleich im Wüstenparadies

Kulturhauptstadt Las Vegas. Eine (bald) pralle Schau zeigt, wie Kunst in der Künstlichkeit eines globalen Dorfs überall und nirgends ist.


Reverend Ethan Acres, gestern Eröffnungsprediger der Ausstellung "The Magic Hour", erzählt mit Emphase, was seinem "armen protestantischen Landbubenverstand" widerfuhr, als er vor Jahren erstmals nach Las Vegas, also in die Wüste, kam: "Das Flamingo-Hilton war wie der brennende Dornbusch." Und als er sich umdrehte, sah er "zwei Händchen haltende Elvis-Darsteller". Zeifellos Zeichen. Acres holte auch seine Frau in die Wüste und predigt seither in einer der zahllosen Kirchen des Spielerparadieses in Nevada. Schön. Wie Ethan Acres schwärmen auch andere Künstler vom Ort, dem die bunte Schau gewidmet ist. Die Malerin Victoria Reynolds fühlt sich wie im Himmel: "Hier ist es okay, die Schönheit zu lieben." Sinnlichkeit sei nicht verpönt.

Ins nämliche Horn stößt der Brite David Batchelor, der das Sinnliche im westlichen Kunstbetrieb zurückgedrängt sieht. Batchelor hat ein Buch mit dem Titel "Chromophobia" geschrieben (demnächst auch in deutscher Übersetzung). Darin konstatiert er der Kunstavantgarde Angst vor Farben und empfiehlt Las Vegas gleichsam als Kurort gegen das Leiden. Im Künstlerhaus ermöglicht Batchelors raumhoher Turm aus Neonlichtern die Therapie.

Neuschön. Alex Farquharson, Londoner Kurator der Ausstellung, die Las Vegas als Brennpunkt der globalen Spaßgesellschaft und als Katalysator für eine entsprechende Kunstproduktion ins Zentrum rückt, ist von der "neuen Art der Schönheit" vor Ort ebenso angetan. Was man hier finde, sei nichts weniger als "eine radikale neue Ästhetik", die obendrein "radikal demokratisch" sei: "Hier sind alle Zivilisationen gleich. Es gibt keinen Unterschied zwischen Hoch- und Populärkultur und keine Angst vor Farben, Formen und Dekorationen."

Magie. Die erwähnte Arbeit von David Batchelor zählt zu jenem Drittel an Exponaten, das derzeit zu sehen ist. Der Transport der restlichen zwei Drittel fiel den Ereignissen vom 11. September zum Opfer. In spätestens zwei Wochen aber, so hofft man seitens der Grazer Neuen Galerie, soll "The Magic Hour" ihre ganze Magie entfalten. Und dann hoffentlich auch jene "nicht nur affirmative Haltung dem Phänomen gegenüber" belegen, von der Christa Steinle sprach. Noch auf dem Weg befindliche Beiträge von E. Chen, Raymond Pettibon, David Reed, Jim Shaw und Jeffrey Vallance könnten Kontrapunkte setzen.

Bis dahin: Eintritt frei.

Zwist. Am Rand der gestrigen Pressestunde zu "The Magic Hour" prolongierten Christa Steinle und Peter Weibel ihren Zwist mit dem "steirischen herbst", der schon im Vorjahr die Rudi-Gernreich-Schau überschattet hatte. Tenor: der "herbst" schmücke sich mit fremden Federn und unterstütze die Neue Galerie zu wenig.

Das "herbst"-Pressebüro betonte, dass man sehr froh über die Kooperation mit der Neuen Galerie sei und deren Beiträge keinesfalls, wie von Weibel behauptet, totschweige. In der Tat: Im aktuellen Programmbuch sind "The Magic Hour" sechs Seiten gewidmet.

The Magic Hour. Künstlerhaus, Graz, Burgring. Bis 4. November.

Walter Titz

erschienen in:
Kleine Zeitung, 23. 9.2001
http://www.kleinezeitung.at

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