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Der Westen hat zu viele Bilder exportiert

Der Intendant des "steirischen herbstes" über Terror, über sein heuriges Programm, über Kooperationen mit Mortier und über eine neue Halle.


Herr Intendant, kann man derzeit irgendein Gespräch über Kultur und Kunst beginnen, ohne auf die Ereignisse in den USA Bezug zu nehmen?

OSWALD: Nein, kann man nicht.

Dann tun‘s auch wir nicht. Welchen Einfluss hat das Geschehen auf Ihr heuriges Programm, verzeichnen Sie Absagen, Ausfälle?

OSWALD: Es gibt keine Absagen, auch keine drastischen Veränderungen an der Oberfläche. Es gibt sehr wohl intensive Diskussionen mit allen Künstlern, welche Implikationen in gesellschaftlicher, politischer Hinsicht bedacht werden müssen.

Sie schreiben in Ihrem Leitessay im Programm, es gebe eine Neuentdeckung des Ich, das weiland von Nietzsche und Rimbaud stark relativiert worden ist. Unter dem Aspekt globalen Drucks und globaler Nivellierung konstatieren Sie: "Das Subjekt rebelliert." Gibt es da Parallelen zum unmittelbaren Zeitgeschehen?

OSWALD: In gewisser Hinsicht schon. Die so genannte westliche Welt und ihre globalen Player haben die Bilder ihres Wohllebens, ihrer genussorientierten Individualität massenhaft in bitterarme Gesellschaften exportiert, ohne ihnen die Möglichkeit zu bieten, an diesem Wohlleben auch teilhaben zu können. Diese uneingelösten Verheißungen führten zweifellos zu einer Radikalisierung, die in dem furchtbaren Terror ihre Auswüchse erlebt. Die westliche Welt arbeitet zu stark nach dem Ausschließungsprinzip. Das betrifft nicht nur islamische Länder. Das betrifft die gesamte Dritte Welt.

Kommen wir zum "herbst". Welche Lehren haben Sie aus Ihrer ersten Saison gezogen?

OSWALD: Erstens: Dass wir längere Vorbereitungszeiten brauchen, um die Grundqualität aller Produktionen sicherzustellen. Zweitens: Dass wir in unserer Kommunikation in Zukunft noch transparenter werden müssen . . .

. . . das ist mit dem heuer besser lesbaren Programmheft teilweise schon gelungen . . .

OSWALD: Danke, dass Sie das sagen, wir haben die vorjährige Kritik ernst genommen. Drittens: Dass die Halbwertszeit des Vergessens kürzer ist als gedacht und wir uns immer wieder in Erinnerung bringen müssen.

An ein "herbst"-Stück des Vorjahres wird man sich wohl länger erinnern. Für "Das Pulverfass" wurde Dimiter Gotscheff neben Peter Zadek und Andrea Breth für den großen Wiener Nestroypreis nominiert.

OSWALD: Darauf sind wir auch wirklich stolz, wegen des großen Erfolges wird das Stück im Schauspielhaus auch wieder aufgenommen.

Uns scheint, als sei Ihr Programm heuer etwas strenger ausgefallen.

OSWALD: Da haben Sie Recht. Das war aber schon seit Beginn geplant. Im Vorjahr hatten wir einen eher populären Ansatz, heuer sind wir konziser im Programm, aber absolut nicht lustfeindlicher.

Was empfehlen Sie denn heuer den Unterhaltungsbedürftigeren?

OSWALD: Das Projekt Mavis. Das ist ein Zusammenspiel von sieben Musikern aus ganz unterschiedlichen Stilarten, von Rock bis Klassik, konzipiert von Uwe Dierksen. Ich glaube, das wird unterhaltend auf hohem Niveau, mit Texten von weit mehr als zehn Autorinnen und Autoren. Das könnte eine neue Form des Musiktheaters ergeben.

Was eignet sich für Unerschrockene mit höchsten Ansprüchen?

OSWALD: Da gibt es einiges, zum Beispiel die Ausstellung "Abbild", kuratiert von Peter Pakesch. Aber vor allem Josef Winklers Theaterprojekt "Tintentod" möchte ich da empfehlen. Ich halte Winkler gegenwärtig für den spannendsten Autor Österreichs, wenn nicht gar des deutschen Sprachraums.

Was wurde aus Ihrem Vorhaben, mit Gérard Mortier und seiner neuen Rhein-Ruhr-Triennale zu kooperieren?

OSWALD: Da gibt es zwei konkrete Projekte: Für nächstes Jahr Beat Furrers dramatisierte Fassung von "Begehren" und Bernhard Langs "Theater der Wiederholungen". Es gibt darüber hinaus einen regen Gedankenaustausch. Mortier verfügt mittlerweile über fabelhaftes Budget, umgerechnet etwa 600 Millionen Schilling, und hat keinen Einspielzwang. Seine erste Triennale beginnt im Herbst 2002 und endet im Frühjahr 2004, eine enorme Zeitspanne.

Wenn wir schon beim Geld sind: Landesrat Gerhard Hirschmann hat bei seinem Amtsantritt hier in der Kleinen Zeitung gesagt, in den "herbst" werde man schon etwas mehr investieren müssen. Hat er sich daran gehalten.

OSWALD: Ja, wir verfügen über rund 50 Millionen Schilling, darin sind aber auch Mittel für die geplante "herbst"-Halle einzurechnen.

Welche Halle und wo steht sie?

OSWALD: Das ist noch relativ geheim, das müssen Sie selbst herausfinden.

Anmerkung dazu: Die Grazer High-Tech-Firma AVL erwägt, auf dem von ihr erworbenen Waagner-Biro-Gelände die Hallen 9 oder 10 umzubauen und längerfristig dem "steirischen herbst", der "styriarte" und auch Graz 2003 zur Verfügung zu stellen. Gedacht ist an eine Adaption mit Holzarchitektur, als Kosten werden rund 50 Millionen Schilling veranschlagt. Gestern gab es dazu bei AVL eine weitere Sitzung, in welcher neue Ideen gesammelt wurden. Gedacht ist daran, Stadt und Land in das Projekt einzubinden.

Frido Hütter

erschienen in:
Kleine Zeitung, 20. 9. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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