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Ein Börsenspiel über die Empfindlichkeit und Unempfindlichkeit von Literatur

Ein Schwergewicht plant den Börsengang. Vielfach ausgezeichnet, mit - für das Börsenumfeld - starkem Output und Umsatz, versiert und erfahren. Das Angebot liegt vor, der Erstausgabepreis ist noch nicht festgelegt. Die Analysten prüfen die Qualität, während die Spekulanten, Großinvestoren und Kleinanleger in den Startlöchern stehen und auf den Beginn der Zeichnungsfrist warten. Das Börsensegment hat sich in den letzten zwei Monaten äußerst positiv entwickelt.

Während die anderen Segmente eher stabil blieben oder sich leicht nach oben bewegen konnten, konnte der Bereich "Drama" seinen Kurs mehr als verdoppeln. An der "Literaturbörse", unter www.literaturboerse.com seit zwei Monaten online, werden literarische Texte gehandelt wie anderswo Unternehmensanteile. Der angekündigte Blue Chip: Zwei Szenen namens "Flugangst" des '95er Bachmannpreisträgers Franzobel.
Parketthandel, Parketthändel

Wie die Börsianer auf die pure Ankündigung dieses Börsenstarts reagieren, wurde leider nicht dokumentiert - oder versank in den abgelegeneren Teilen der umfangreichen Website, die das Projektteam der Feuilleton-Zeitschrift "Schreibkraft" als Beitrag zum Kunstfestival "steirischer herbst" betreibt.

Während des Festivals soll die Literaturbörse mit einem Symposium in Graz enden, das sprachsicher "Business-Meeting" genannt wird. Anfang November sollen dort nicht nur die Markförmigkeit und Börsenfähigkeit literarischer Texte diskutiert, sondern zugleich diejenigen Anleger ausgezeichnet werden, die sich am erfolgreichsten über das glatte Parkett der Literaturbörse bewegt haben.

Die Macht der Großinvestoren

Derzeit rund 350 Literaturbörsianer versuchen ihr Glück und haben ein Budget von jeweils 10.000 Euro für den Börsenhandel zugeteilt bekommen. Begleitet werden die Anleger von derzeit vier Juroren, will sagen: Börsenanalysten. Ihre Aufgabe ist es, die Texte eingangs zu bewerten und Kaufempfehlungen auszusprechen. Und wie das Leben so spielt: Neben dieser besonderen Interpretationsmacht verfügen die Analysten zugleich über ein Vielfaches des Kapitals der Kleinanleger.

Als Großinvestoren können sie ihre Prognosen - darin den Banken an der Börse nicht unähnlich - notfalls mit eigenem Einsatz bestätigen. Aber für das literarische Börsenspiel trägt das Modell "Börse" nur begrenzt. Schließlich werden hier Texte gehandelt und nicht gleich die Autoren. Die Marktdynamik ergibt sich also aus dem Einstieg neuer Börsianer, der Emission neuer Aktien und der Umschichtung in den Portfolios der Anleger. Auch der eine oder andere während der Laufzeit des Spiels vergebene Literaturpreis wird sich auf die Kursverläufe auswirken. Was aber ist mit Produktinnovationen? Fusionen? Umsatzeinbrüchen? Und: Darf ein Autor in seinen bereits an der Börse gehandelten Text eingreifen, um dessen Kurs zu stärken?

Literaturverständnis

Derlei immanente, aber auch grundsätzliche Fragen werden auf der Website diskutiert. Das beginnt im Kleinen, etwa im Schlagabtausch zwischen Autor und Analyst in einem Forum, wie es jedem einzelnen literarischen Text angehängt ist. Und reicht bis in den "Konferenzraum", jenem Unterbereich, mit thematisch Verwandtem von Denkern wie Boris Groys und Dichtern wie Gerhard Falkner. Oder Ingo Schramm, der sich harsch gegen einen solchen Umgang mit Literatur verwehrt: "Machen Sie Ihr Spiel, das ich nicht für eines halte, aber machen Sie es ohne mich", schleudert er den Unerschrockenen aus Graz entgegen. "Wenn Sie nicht mehr Literaturverstand haben, als die Poesie für börslich kommensurabel zu halten, ist das Ihr Problem. Wer Ihnen glaubt, soll ihnen glauben. Um die, die sich sehenden Auges verloren geben, muss niemand sich kümmern. Die kommen schon zurecht. Ihren Opfern, der Dichtung allemal, gälte schon eher die Sorge."

Ob die Dichtung, jenes sensibelste Sprachgerät, sich nicht zugleich völlig unempfindlich, ja unberührt, zumindest unbeirrt zeigen wird von einem solchen Sponti-Spiel mit Denksubstanz, muss sich noch zeigen. Dass die Literaturbörse eine entsprechende Auseinandersetzung überhaupt anstößt, ist allerdings schon jetzt ihr unbestreitbares Verdienst.

Fridtjof Küchemann

erschienen in:
FAZ.NET, 3. 8. 2001
http://faz.net

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