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Sex sells
www.literaturboerse.com - das Werk als Wertpapier

Geld und Geist - das war für den modernen Schriftsteller antibürgerlicher Couleur eine verbotene Liaison, eine verhängnisvolle Affäre, die nur in schlimmer Korruption und finaler Abdankung des Ästhetischen enden konnte. Der edle Dichter hatte dem profanen Terrain der Finanzwelt ostentativ die kalte Schulter zu zeigen. Diese Geld-Verachtung kulminierte in der Verschwörungstheorie eines Ezra Pound, der in den dunklen Umtrieben des kapitalistischen Wuchers, der "Usura", das Böse in die Welt gekommen sah.
Indessen fürchtet nun der Autor unserer Medien-Moderne, den Anschluss an die Daten- und Geldflüsse der beschleunigten Gesellschaft zu verlieren. Man verlegt den literarischen Salon ins Internet und verwandelt sich vom einsamen Elfenbeinturmbewohner in einen marktstrategisch versierten Risikounternehmer. Als attraktivster Schauplatz für einen modernen Bildungsroman gilt für den Autor der literarischen New Economy seit einiger Zeit die Börse - und die von ihr mobilisierten Kürzestgeschichten von pekuniärer Lakonie: AOL fällt von 90 auf 60 Dollar!
Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Schriftsteller in private Aktiengesellschaften verwandeln würden und das literarische Leben sich den Börsengesetzen assimiliert. Ein Projekt des "steirischen herbstes" in Graz beschert nun dem Literaturbetrieb die längst überfälligen Turbulenzen von Nasdaq, Dax und Nemax. Seit dem 1. Juni hat sich eine neue Website (www.literaturboerse.com) konstituiert, die den abgezockten Literaturprofi dazu auffordert, sich am neuen Markt des literarischen Wertpapierhandels zu engagieren.
Wichtiger als die literarische Fantasie der Akteure (unter ihnen bekannte Autoren wie Wolfgang Hermann und Dieter M. Gräf) ist dabei die Kursfantasie der privaten Anleger, die hier einen "Anlegeraccount" eröffnen und mit einem virtuellen Kapital von 10 000 Euro in den neuen Literaturmarkt einsteigen. Damit man als Anleger nicht verloren vor den Kurs-Diagrammen steht, in denen die Wertbewegungen der einzelnen Titel abgebildet werden, steht einem eine Gruppe von literaturkritischen Fondsmanagern zur Seite, die als literaturempfindliche Analysten die Trends der nächsten Wochen und Monate prognostizieren.
Bis Ende Oktober wartet die Literaturbörse auf neue risikobereite Investoren. In einem abschließenden Business meeting am 2. und 3. November im Forum Stadtpark in Graz werden dann nicht nur die Titel mit den größten Wertsteigerungen präsentiert, sondern dann dürfen auch die erfolgreichsten Anleger ihre Strategien erläutern. Im Moment verzeichnet - wie auch anders - die Erzählung Sex des Österreichers Wolfgang Hermann die größten Wertsteigerungen, obwohl diese unspektakuläre Familiengeschichte in ihrem nüchternen, fast spröden Stil alle Pornographieerwartungen souverän enttäuscht.
Glatt unterbewertet ist dagegen die selbstironische Kriminalstory der Schriftstellerin Petra Coronato alias "Tongue Tongue Hongkong", die das literarische Börsen-Treiben persifliert. "Aber die Aktienkurse seines Schriftstellers steigen, sobald er tot ist": Diese kulturpessimistische Prognose, die in Coronatos Text zur Ermordung eines Mannes führt, könnte sich bald als ebenso naiver wie tragikomischer Irrtum aus den Tagen der Old Economy erweisen.

Michael Braun

erschienen in:
Frankfurter Rundschau, 29. 6. 2001
http://www.frankfurter-rundschau.de

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