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Die L-Aktie

Die Gegenwartsliteratur befindet sich in einer Flaute. Zu diesem Schluß muß kommen, wer unter "www.literaturboerse.com" den neuen "Literaturaktienindex" LAIX verfolgt. Das Ende der Stagnation wird zwar verkündet, doch das Marktgeschehen auf dem im Vorfeld des Grazer Kunst- und Literaturfestivals "steirischer herbst" eingerichteten Parkett blieb bislang schleppend. Die Avantgarde hat es auch dann noch schwer, wenn sie sich in ironischer Absicht als Start-up-Unternehmen maskiert und die Kapitalisierung der Kunst mit perfekter Mimikry auf die Spitze treibt. Jeder Besucher der Seite kann mit einem Startkapital von 10 000 "virtuellen Euro" Anteile an unveröffentlichten Kurztexten kaufen, die Autoren zum Börsengang eingereicht haben. Eine dreiköpfige Jury entscheidet, welche der Arbeiten für den Handel freigegeben werden, und steht als Investmentberater zur Seite. Obwohl Börsenspiele nicht mehr so hoch im Kurs stehen wie vor Jahresfrist, ist die Geschäftsidee der Grazer so zwingend, daß sie sich auch in dieser ungünstigen Konjunkturlage durchsetzen sollte: Warum soll der Leser, der seit jeher seine kostbare Zeit mit ungewissem Ausgang in Neuerscheinungen investiert, nicht gleich zum Aktionär, und der Verfertiger detaillierter Textanalysen nicht zum Analysten werden? Die Sprache des Literaturbetriebs ist ohnehin längst von einer "Ökonomie der Aufmerksamkeit" (Georg Franck) unterwandert. Autoren haben einen "niedrigen Kurswert" oder werden "hoch gehandelt", gelten als "überbewertet" oder als "Geheimtip". Und daß die ganze Branche von Insiderwissen auf Trab gehalten wird, ist auch kein Geheimnis. Warum also nicht den Bullen bei den Hörnern packen und den Ort der Literatur als Börsenplatz definieren? Groß ist die Umstellung nicht. Wenn es in der Ankündigung heißt, daß "kein Mail-Verkehr über die Entscheidungen und Kommentare der Redaktion und Jury geführt" werde, dann werden sich die Autoren in ihrer Aversion gegen Kritiker nur ein weiteres Mal bestätigt fühlen. Der Old Economy fremd ist aber, daß die Kritiker nicht nur als "Anlageberater", sondern zugleich als "Großinvestor" mit "wesentlich höherem Spielmaterial" fungieren dürfen, um so analog zu Fondsmanagern die Kursentwicklung "direkter" beeinflussen zu können. Die virtuelle Börse entpuppt sich so als Tagtraum jener Rezensenten, die im realen Literaturbetrieb an der eigenen Ohnmacht leiden: Ach, gäbe doch nur jemand einen Pfifferling auf ihr Urteil. Als Kommuniqué eines "Großinvestors" wird es endlich für bare Münze genommen. Zur Zeit ist das Portefeuille allerdings noch sehr dürftig. Einige Gedichte sind darunter, die für Kleinanleger schon darum interessant sein dürften, weil man auch mit wenig Geld eine ganze Zeile erstehen kann. Dem Motto "sex sells" folgen gleich mehrere Autoren, doch bleibt abzuwarten, was passiert, wenn die Aktionäre erst einmal ein Mitspracherecht bei ästhetischen Entscheidungen beanspruchen. Ob dann etwa Dietmar Füssels Lessing-Travestie "Präservativparabel" ungeschoren durchgeht, ist fraglich, denn im geschmacklichen Zweifelsfall wird der Shareholder Value Vorrang vor dem künstlerischen Wert haben. Mit Spannung wird auch bei Neuemissionen zu verfolgen sein, ob sich Imagination und Spekulation gegenseitig in die Höhe treiben nach dem Prinzip, daß nur wer zu Überzeichnungen neigt, auch überzeichnet wird. Beim LAIX, soviel ist immerhin sicher, schließt der Handelstag stets mit einem Punkt.

rik

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine, 15. 6. 2001
http://www.faz.de

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