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Steirischer Herbst: Die "zweite Moderne" und Orpheus auf der Jagd nach dem Ich

Intendant Peter Oswald präsentierte das Programm für den "steirischen Herbst" 2001. Leitmotiv: "Zumutungen an das Ich".


Das Ich ist ein zartes Pflänzchen, das weiß man spätestens seit Freud: Die unwirsche Außenwelt terrorisiert es ebenso wie andere Abteilungen der Innenwelt. Dazu kommen die Frechheiten der Postmoderne ("Tod des Subjekts") sowie neuerdings die metabiologischen und praktischen Attacken der Genforschung. "In der Gentechnik wird das Ich auf die Anforderungen eines gnadenlosen Turbokapitalismus zurechtgeschnitten", fürchtet bzw. konstatiert Peter Oswald, Intendant des "steirischen herbstes". Dagegen wende sich die "zweite Moderne". Und gegen alle Zumutungen an das Ich soll sich auch sein Festival wenden.
Die Gentechnik wird in einem Symposion namens "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper" behandelt. Obwohl das zweite der drei Schlagwörter von Peter Sloterdijk stammt, hat Kurator Theo Steiner diesen mit Bedacht nicht eingeladen: Diese Begriffsbildung sei nämlich im Grunde Sloterdijks "bester und einziger Beitrag", so Steiner. Erwartet wird dafür Michel Houellebecq, der in seinem Roman "Elementarteilchen" auf die Gentechnik einige erlöserische Hoffnungen setzte.
Das Menschenbild in der Kunst will Peter Pakesch in der Ausstellung "Abbild" neu aufspüren. Das Bild des mythenumwobenen Künstlers Antonin Artaud zeichnet Cathrin Pichler in einer Hommage. Die Originalstimme und die Texte eines Zeitgenossen Artauds, nämlich Dylan Thomas, sind Material für Olga Neuwirths Klanginstallation "In Sachen Haut".
Auch Orpheus sucht zugleich mit Eurydike sich selbst - in Beat Furrers Musiktheater "Aria", das konzertant aufgeführt wird. "Ich sehne die Alpen; so entstehen die Seen" heißt das erste abendfüllende Stück von Händl Klaus. Eine "Art Ich-Jagd" soll "Alle Jäger Danke", eine Produktion des Grazer "Theater im Bahnhof" und des "Klara Theater Basel", werden - und dabei auch "Facetten der österreichischen Politik" zeigen; zu diesem Behufe werden Leitartikel von Armin Thurnher verarbeitet. Seinen zentralen Themen - Katholizismus, Sexualität, Tod - sei Josef Winkler in seinem Stück "Tintentod" treu geblieben, erklärt Oswald - und verspricht "einen sehr radikalen Text". "Künstlerisch und politisch zugespitzt" soll auch die Eröffnungsrede von Gerhard Rühm am 4. 10. im Bautechnikzentrum der TU Graz werden.
Das Budget des von Christian Scheib erstellten "Musikprotokolls" wurde "dramatisch aufgestockt" (von 1,9 auf 3,8 Millionen Schilling) - dafür erlebt man dort u. a. Unhörbares (Schall außerhalb der Hörgrenzen) und kann seine Herztöne verarbeiten lassen. Ein weiteres der auf der zweiten Moderne verpflichteten Festivals derzeit so beliebten "Wir-spielen-Markt"- Spiele bietet eine "Literaturbörse": Dort handelt man mit Texten - und zwar schon ab 31. Mai. Die Kursschwankungen münden freilich nicht in Mergers oder einem Crash, sondern in einem Symposion.

www.steirischerbst.at
www.literaturboerse.com

Thomas Kramar

erschienen in:
Die Presse, 30. 4. 2001
http://www.diepresse.at

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