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"herbst" startet zur (Hallen-)Rebellion

Gegen Zumutungen will der "steirische herbst" massiv ins Feld ziehen. Und dabei auch die Zumutung der Hallen-Misere aus dem Weg räumen.

"Das Subjekt rebelliert", lautet das rhetorische Rufzeichen zu den diesjährigen Vorhaben des "steirischen herbstes", die Intendant Peter Oswald im Grazer Palais Attems präsentierte. Wobei die Auflehnung weit über die künstlerischen Bereiche hinausgeht. Es bedarf schon massiver Durchrüttelungen, um den stets um Besonnenheit bemühten "herbst"-Präsidenten Kurt Jungwirth auf der nach oben offenen Bebenskala Spitzenwerte erklimmen zu lassen. Beschwichtigen konnte ihn zwar "ein Kraftakt des Landes", das zusätzliche fünf Millionen Schilling für das Festival flüssig machte, völlig in Rage versetzte ihn aber die Ignoranz des Bundes. Kunststaatssekretär Morak, sei, was den "herbst" betrifft, "weiterhin im Sinkflug unterwegs", polterte Jungwirth. Schon im Vorjahr waren etliche Bittgänge nach Wien erforderlich, diesmal gibt es höchst zähe Subventionszusagen in Höhe von sechs Millionen Schilling. Tendenz: eindeutig fallend. Verständliche Gegentendenz aus Graz: eindeutig erzürnt und aggressiv.

Rebellisch gibt sich, in anderer Hinsicht, auch Intendant Peter Oswald. Für den heurigen "herbst" konnte - nach langer Suche - wieder einmal eine provisorische Heimstätte gefunden werden, diesmal im neuen Bautechnikzentrum der TU Graz in der Inffeldgasse, danach aber soll die permanente, zermürbende und kostspielige Herbergssuche definitiv ein Ende haben. "Gemeinsam mit ,Graz 2003‘ und der ,styriarte‘ werden wir eine eigene Halle errichten", erklärte Oswald kurz, bündig und sehr entschlossen (erste Details in nebenstehendem Kasten).

Damit zu den Programmvorhaben, die, besser hätte es gar nicht passen können, unter dem Motto "Gegen die Zumutungen an das Ich" stehen. Was sich dann so subsummiert: "Gegen die Zwänge eines losgelassenen Turbokapitalismus, gegen die Träume der Jünger des Virtuellen, gegen die unbedachten Verheißungen der Biotechnologie" will der "herbst" ins Feld ziehen. Die herausragenden strategischen Eckpunkte des Festivals, das am 4. Oktober beginnt und bis zum 4. November dauert:
Sprech- und Musiktheater, Performance: "Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen", ein Doppel-Monolog von Händl Klaus. - "Tintentod", eine brachiale theatralische Auflehnung von Josef Winkler. - "Alle Jäger Danke", ein Theater-in-progress, eine Art Ich-Jagd, realisiert vom Theater im Bahnhof und dem KLARA Theater Basel. - "Aria", ein Musiktheater in zehn Szenen von Beat Furrer, das in seiner Endversion 2002 in der Grazer Oper präsentiert wird.
Bildende Kunst/Medienkunst/Design: Zwei
Großausstellungen stehen bevor: "Abbild", kuratiert von Peter Pakesch, das, mit hochkarätiger internationaler Besetzung, Bedürfnisse, aber auch die "neue Gier" nach Menschendarstellungen in allen Medien thematisiert. - Bereits jetzt auf internationales Intesse stößt die "Hommage à Antonin Artaud", kuratiert von Cathrin Pichler, die den genialen Berserker in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen soll. - Der Grazer Kunstverein bereichert in "Time Wave Zero/The Politics of Ecstasy" künstlerisch-kritisch die oft dubiose Ausseinandersetzung mit dem Thema Drogen. - Drei Tage Aktionskunst im öffentlichen Stadtraum wird unter dem Titel "Never Stop The Action" bieten. - "Gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben" nennt sich ein viel versprechendes Projekt von Jörg Schlick, das, in vielen Facetten und an zwölf Ausstellungsorten, die 3,2 Milliarden genetischen DNS-Kombinationen garantiert nochmals durcheinanderwirbeln wird. Zumal Schlick sich selbst entschloss, 10.000 Jahre alt zu werden. "Sollte ich vorher tot sein, muss man mir das erst beweisen."
Symposion: "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper" wird intensive Diskurse und Debatten über das proklamierte und schon jetzt fragwürdige "Jahrhundert der Biotechnologie - und Medizin" bringen. Geplant ist eine Arena aus unterschiedlichsten Wissensfeldern, auf der Einladungsliste befinden sich auch so illustre Namen wie Michel Houllebecq und Botho Strauss.
musikprotokoll: Massiv aufgewertet wird ein traditionsreiches "herbst"-Standbein - das "musikprotokoll". Als Sponsor griff die Raiffeisenbank tief in die Tasche und stockte das Budget auf 3,8 Millionen Schilling auf. Dies könnte auch zu einer Neupositionierung der Veranstaltungsreihe führen. "Living room" soll ungewohnte Klänge in unerwartetem Kontext an exklusiven Orten bieten (so wird im Dom im Berg eine "alien city" entstehen).
Quasi als "artist in residence" ist Gerhard Rühm zugegen; zuallererst als Eröffnungsredner, dann mit einem Konzert, einer Lesung und einer Ausstellung über visuelle Poesie und visuelle Komposition

Infos: "steirischer herbst", Sackstraße 18, 8010 Graz. Tel. (0 31 6) 81 60 70
Internet: www.steirischerbst.at

Werner Krause

erschienen in:
Kleine Zeitung, 28. 4. 2001
http://www.kleinezeitung.at

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