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Zur Eröffnung des steirischen herbst 2001
Kurt Jungwirth, Präsident des steirischen herbst

Thomas Bernhard schreibt in seinen "Alten Meistern" ungewollt eine Präambel zum steirischen herbst. Es heißt dort, unter anderem:

"Das liegt daran, dass das Musikhören zu einer banalen Alltäglichkeit geworden ist durch die Technik. Das Musikhören ist nichts Außergewöhnliches mehr, überall hören Sie heute Musik, gleich wo Sie sich aufhalten, Sie sind geradezu gezwungen, Musik zu hören, in jedem Kaufhaus, in jeder Arztordination, auf jeder Straße, Sie können heute der Musik gar nicht mehr entkommen, Sie wollen ihr entfliehen, aber Sie können ihr nicht entfliehen, dieses Zeitalter ist total von Musik untermalt, das ist die Katastrophe. In unserer Zeit ist die totale Musik ausgebrochen, überall zwischen Nordpol und Südpol müssen Sie sie hören, ob in der Stadt oder auf dem Land, auf dem Meer oder in der Wüste. Die Menschen werden tagtäglich mit Musik vollgestopft schon so lange, daß sie längst jedes Gefühl für Musik verloren haben."

Soweit Thomas Bernhard, der Großmeister der Übertreibung. Er hätte noch ein paar Kräfte zitieren können, die mit Macht unsere Hörgewohnheiten, unsere Sehgewohnheiten, unsere Denkgewohnheiten, unsere Spielgewohnheiten reglementieren. Gegen den Strom solcher Anpassungen schwimmt der steirische herbst seit jeher, er tut es auch heuer.

Im Jahr 1996 gab die Europäische Union eine Studie über Festivals in Europa in Auftrag. Es ging um die Frage, wie weit Kultur Beschäftigung schafft. Natürlich schafft Kultur Arbeit, direkt überall, wo sie präsentiert wird, indirekt über Umwegrentabilitäten bei Zulieferbetrieben, in der Medienlandschaft, im Tourismus. Die Studie wurde in Paris verfasst und in Dublin der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Auftraggeber schätzten, dass es in Europa jedes Jahr rund 6.000 Veranstaltungen gibt, die sich Festtage, Festwochen, Festspiele nennen. Angesichts solcher Inflation muss man sich fragen: Was soll ein Festival heute? Und die Antwort muss heißen: Unverwechselbar sein und auf Qualität achten. Der steirische herbst war jedenfalls unter den zehn, die für diese Studie eingeladen wurden. Tatsächlich wird man lange vergeblich nach einem Zwilling des steirischen herbst suchen. Das liegt an unserer Selbstdefinition und ihren vier Standbeinen, die wir konsequent halten.

Wir sind erstens nicht auf eine Kunstsparte spezialisiert, wir sind multidisziplinär.

Der steirische herbst präsentiert zweitens aus der lokalen und regionalen Szene, aus Graz und der Steiermark. Er ist in seinen Anfängen aus ihr erwachsen. Eine Statistik zeigt auch dieses Jahr, dass er auf dieser Linie liegt. Das Programmheft gibt 48 verschiedene Veranstaltungsorte in Graz an und 9 weitere in der Steiermark.

Das große Netzwerk steirischer herbst setzt sich drittens überregional und international fort. Unsere Internationalität begann einst in den wichtigen, von Hanns Koren erfundenen Trigonausstellungen aus Italien, dem alten Jugoslawien und Österreich. Sie breitete sich aber sehr rasch aus. Unser heuriges Programm ist überzeugend auf diesem Weg. Besonders wichtig sind heute die Ansätze zur geistigen Osterweiterung, die wir im Westen dringend nötig haben. Der steirische herbst des Vorjahres findet in Kürze nach Sofia auch in Prag mit der Aufführung des "Pulverfasses" durch das Grazer Schauspielhaus eine Fortsetzung. Das ist für uns ein Modellprojekt.

Und viertens spielt sich das ganze Festival unter dem Dach der Modernität ab. Modernität, von den einen herbeigewünscht, von anderen verwünscht. Modernität bedeutet nicht Mode. Herbstmoden haben wir nie kreiert. Es geht auch nicht um die geplante Provokation, die schon lange keine mehr ist. Es geht uns um die freie Bühne für Versuch und Irrtum, für das Experiment. "Versuchsstation" ist ein guter Name oder "Zeiterkundungsfestival", wie Peter Oswald sagt.

Der steirische herbst hat nie Geld für aufwändige Jubiläumsbroschüren ausgegeben. Der letzte Versuch eines resümierenden Rückblicks stammt aus dem Jahr 1989. Wenn man die damaligen Statistiken nach 20 Jahren steirischer herbst auf heute umrechnet, dann darf man schätzen, dass der steirische herbst seit seinen Anfängen rund 100 Uraufführungen im großen und kleinen Sprechtheater hinter sich hat, rund 30 im großen und kleinen Musiktheater, über 500 Ur- oder Erstaufführungen von Kompositionen, natürlich unzählige neue Bilder in allen möglichen Techniken an allen möglichen Orten, unzählige andere Ereignisse.

Dass dabei nicht wahllos produziert, sondern auf Qualität geachtet wird, dafür sorgen seit jeher freie Programmacher. Im Rückspiegel sehe ich in diesem Augenblick prominente Könner wie Emil Breisach, Wilfried Skreiner, Alfred Kolleritsch, Otto Breicha, Peter Vujica, Horst Gerhard Haberl, Christine Frisinghelli. Heute ist es der Intendant Peter Oswald, der mit seiner Begeisterung, seiner Dynamik, sein Team, seine Teams zu Höchstleistungen mitreißt. Wo es um den steirischen herbst geht, ist er rebellierendes Subjekt. Das tut uns sehr gut.

Zu danken ist auch jenen, die das Werk finanzieren. Kultur kostet zwar – mit Ausnahme weniger Großbetriebe – sehr wenig Geld, aber sie muss sich immer wieder öffentlich rechtfertigen. Das gilt heute mehr denn je, wenn wir in den reichen Ländern wie besessen auf Ökonomie starren. Die ist zweifellos sehr wichtig, denn nur wenn sie funktioniert, gibt es Geld. Aber eines muss auch gesagt werden: die Welt des Geistes, Kunst, Bildung, Wissenschaft und Forschung können nicht nur von Kosten- Nutzenrechnungen leben. Für sie gelten noch andere Kriterien, weil der Mensch nicht nur ein Geldfaktor ist. Dessen muß sich Politik allgemein bewusst sein, nicht nur Kulturpolitik, die weiß das ohnehin.

Den öffentlichen und den privaten Financiers ist also zu danken. Dem Land Steiermark, das eine besondere Kraftanstrengung in diesem Jahr unternommen hat, der Stadt Graz und dem Bund, die sich gegenüber dem Vorjahr ebenfalls leicht gesteigert haben. Das ist in Zeiten, wo Sparstifte wüten, schon eine Leistung.

Den privaten Sponsoren ist zu danken. Das Schielen nach Amerika, wo vieles privat finanziert wird, ist dabei unangebracht. Erstens ist bei uns die Gesetzgebung, die durch steuerliche Abschreibemöglichkeiten Anreize für Sponsoren schaffen soll, noch schmal entwickelt. Zweitens sind Finanzkapazitäten in diesem kleinen Land naturgemäß nicht vergleichbar mit einem reichen Kontinent. Drittens hängen an den Sponsoren unzählige Blutsauger, die nicht nur für alle Richtungen von Kultur, sondern auch für Sport, für Soziales, für Umweltprojekte und so weiter unterwegs sind. Und viertens gehört es bei uns noch lange nicht zum guten Ton, Sponsor zu sein. Wenn es hoch geht, machen in Österreich Sponsorenleistungen höchstens zehn Prozent der Kulturförderungen aus.

Der steirische herbst hat seit jeher eine aufklärerische Note. Von ihr kommen seine reichen Vermittlungsprogramme und seine Symposien. Die diesjährige Reflexion über Genmanipulation und Biotechnologie scheint mir von ganz besonderer Bedeutung zu sein. Bei dieser Thematik geht es ums Leben. Sie geht buchstäblich jede und jeden an. Sie kann nicht intensiv und öffentlich genug abgehandelt werden, um Biopolitik einzufordern. Die ist dringlich notwendig.

Natürlich hat der steirische herbst überlegt, ob auch ein Programmpunkt zum 11. September herbeigezaubert werden sollte. Ein Schnellschuß wäre aber nicht gut möglich und sinnvoll gewesen. Genau so wenig wie ein militärischer, wenn der auch anscheinend von manchen heiß herbeigesehnt wird. Eines ist schon jetzt sicher. Alle Strafexpeditionen und Sicherheitsmaßnahmen allein werden nicht reichen. Es geht in der Welt von heute nicht um einen Krieg der Religionen, nicht um einen Clash der Kulturen, nicht um einen Kampf zwischen Gut und Böse. Das sind sekundäre Themen. Primär geht es um die enormen Klüfte zwischen den jungen Armen und den alten Reichen. Nicht nur Soldaten und Polizisten sind gefragt, sondern Staatsmänner oder Staatsfrauen, denen eine ganz andere Politik einfällt, eine bessere, menschenfreundlichere, die auf dieser Erde mit allen ihren Gütern und Instrumenten doch um Himmels willen möglich sein muß.

Ein neugieriges, nachdenkliches, mutiges Festival wie der steirische herbst ist gefragt. Er ist auch unterwegs nach 2003. Wo immer dieses Projekt noch anecken mag, es ist eine phänomenale Unternehmung für Graz, die Steiermark und Österreich. Der steirische herbst wird sie voll mittragen. Jetzt sind wir an der Etappe 2001. Sie möge gut gelingen.

Text vom 4. 10. 2001 © steirischer herbst

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