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> Begehren > Wolfgang Hofer: Zwischen Wiederholung und Wendung


Zuvor: Die ästhetischen Experimente, mit denen die Florentiner Camerata zu Beginn des 17. Jahrhunderts jene Kunstform erfunden hat, die wir seither Oper zu nennen pflegen, hatten ihr zentrales Modell in einem großen antiken Mythos, dem es gegeben war, durch die begriffslose Macht und Magie der Musik den umfassenden Bann des Schicksals zu brechen: Orpheus. Musik als Medium von Transzendenz und Einspruch. Als Korrektur und Eingriff in den universalen Schuldzusammenhang des Lebendigen. Nicht zu Unrecht hat Theodor W. Adorno für diesen Zusammenhang einmal die kritisch-aufklärerische Formel geprägt, "alle Oper ist Orpheus".

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts jedoch ist gerade den maßgeblichen Komponisten der Moderne die herkömmliche Oper als Überhang von Tradition zunehmend problematisch geworden. Innovative Entwürfe für Musik und Szene forderten Grenzüberschreitung, Aufhebung der etablierten Konventionen, neue Klangkonstellationen, modifizierte Vokalcharaktere und Figuren, schließlich andere Räume. Der Kanon von Geschichte und Überlieferung nämlich war vollkommen brüchig geworden.
Wie aber ist es heutzutage möglich – in diesem Bewusstsein –, scheinbar aufgegebene Wege kreativ wiederzuentdecken und verbindlich neu zu formulieren? Beat Furrer ist den kritischen Weg ins Offene mit dem Genre Oper als Paradigma im Wechselbezirk von Klangszene, Optik und Sprache seit den "Blinden und Narzissus" stets konsequent im Sinne von Erneuerung weitergegangen. Sein neues Werk für Musik und Theater ist nun eine Art Mythenrekurs – mehr noch: dezidiert der Versuch, den Ursprung von Oper radikal aufzudecken mit dem Ziel, Genre und Gattung im Lichte unserer Erfahrung neu zu reflektieren. So wird in diesem "Begehren" die Oper als Endspiel und als Spiel vom Ende aufgehoben und in Frage gestellt, als Gattung gänzlich modifiziert und umdefiniert zugleich. Mythentradition wird noch einmal vollkommen musikalisch und in Territorien eines epischen Musiktheaters überführt. Das eigentliche Drama ereignet sich nach dem großen Erschrecken – a terrendo werden sie wieder aufgeblättert: Orpheus’ Books.

Mythen Metamorphosen

In den dramatischen "dialogues interieurs" dieses Begehrens werden epische Zonen imaginärer Zwischenräume erschlossen. Die musikalische Schaubühne wird zum offenen Reflexionsraum. In der Abgewandtheit der namenlosen Protagonisten ereignet sich gemeinsame Verwandlung zur Kenntlichkeit. Die Umfunktionierung der alten Mythen und Zeichen entspringt den Strukturen und Gesten einer umfassend-umdeutenden Klangbeschreibung, vergleichbar vielleicht einem Prozess der Verwandlung, wie ihn jüngst etwa auch Botho Strauß einem alten keltischen Epos abgelauscht hat:

Ich sehe jedesmal genauer hin und seh sie jetzt
von ihrem Ausgangspunkt –
Eurydike schaut selbst zurück im Augenblick,
da Orpheus sich (wie immer) nach ihr wendet,
und unter halb gehobenem Schleier prüft sie
den zurückgelegten Weg.
Blickt also sie zugleich mit ihm zurück,
obschon ins Leere, so daß sein Rückblick nie ihr Antlitz
traf, vielleicht dann… Man muß die Anordnung
leicht variieren und leicht variiert den ganzen Vorgang
unermüdlich wiederholen, bis er schließlich gelingt,
der Aufstieg, man ist auf bestem Weg.

"Die Anordnung variieren und leicht variiert den ganzen Vorgang unermüdlich wiederholen, bis er schließlich gelingt, der Aufstieg" – damit wird an eine Konstellation gerührt, worin sich Tradition neu erschließt. Und genau in diesem Sinne hütet denn auch Beat Furrer mit seinem Stück vom Begehren die Fährten der orphischen Spur. Mit unaufhaltsam aufsteigenden, aus dunkler Tiefe sich emporwölbenden Linien des Instrumentalensembles heben die Klangfiguren um Orpheus über die drei ersten Szenen hinweg an. Man mag an den allumfassenden Ursprung des Rheingold-Vorspiels denken, doch hat diese musikalische Wendung hier eine ganz andere Bewandtnis. Denn die Toten werden in ihrem seltsamen Licht verharren, gespeist aus dem Dunkel jener Gegenschräge, deren Schatten uns blendet. In diesem Licht einer negativen Utopie, einer vielfachen Blendung, setzt Furrer mit seiner Toposforschung an, um die scheinbar verlorenen Exponenten des alten Mythengestricks in einem imaginären Heute freizusetzen. Orpheus und Eurydike werden zu Namenlosen, zu Protagonisten in einem heutigen Niemandsland, nur von einem anonymen Chorus als Übersetzer, Kommentator und Handlungsträger begleitet und geleitet. Sie werden allesamt heimatlos bleiben. Ohne Ort. Nirgends.

Paare Passanten

Die mythische Fabel wird aus der Antike ins Akut unserer Gegenwart projiziert: In seiner Lesart von Geschehen und Geschichte folgt Beat Furrer den rätselhaft-verschlungenen Pfaden des Orpheus-Mythos mit der Intention, die Leerstellen und Hohlräume, die sich um die Episoden aus ferner Vorzeit gebildet haben, innovativ-umdeutend aufzusprengen.

Zum Geschehen im Einzelnen: Ein Mann und eine Frau sind getrennt/vereint auf der Suche nach der Utopie des "Hohen Paars". Er versucht, aus seiner Vorgeschichte herauszufinden, geleitet und bewegt von dem Gefühl: "Ich war Orpheus". Sie tritt zögerlich und langsam wie aus ihrem eigenen Schattenbild heraus, das vielleicht einmal Eurydike gewesen sein mag. Doch wirkliche Begegnung findet nicht statt, auch Selbstbegegnung ist nicht gestattet.
Furrers Orpheus-Metamorphosen sind Varianten und Variationen über den verbotenen Blick, diese eine und einzige falsche Bewegung mit bekanntermaßen fatalen Folgen, die wunderlichen Wahrhaftigkeiten des Einstands im Hades und die merkwürdigen Begebenheiten von seinem Tode mit den Rachefurien aus dionysischem Geschlecht.
Aus verschiedenen Perspektiven wird der gebrochene Mythos immer wieder umkreist, gespiegelt und reflektiert. Furrers Klanghorizonte heben dabei die Augenblicke auf, bündeln somit Zeit und Geschichte. Das Drama des Begehrens wird dergestalt zu einer Art Mythenstenogramm, einer Schicksalsmusik, worin es niemandem so recht vergönnt ist, dem Bann zu entrinnen. Die Suche nach dem anderen Zustand endet in verdoppelter Einsamkeit. Schier atemlos singt sich der weibliche Schatten der Eurydike in ihrer Aria vom Ende her aus: "Du kamst aus deiner Einsamkeit und gehst in die andere …"

Die Ähnlichen

Sieht man genauer noch hin, so wirkt das musikalische Szenengewebe wie von fern, lontanissimo, den geheimen Rändern des Mythos abgerungen. Durch die Schleier der Zeiten hindurch scheint jedoch vieles genauer singbar werden zu müssen, was an Dunklem, vielleicht vergeblich, zu sagen war. So Ingeborg Bachmann: "Die Saite des Schweigens / gespannt auf die Welle von Blut / griff ich dein tönendes Herz / verwandelt ins Schattenhaar der Nacht / der Finsternis schwarze Flocken / beschneiten dein Antlitz / Und ich gehör dir nicht zu / beide klagen wir nun."

Es ist, als hätten die Furien des Verschwindens beiderlei Geschlechts gesprochen. Dialektik der Einsamkeit. Im Dunkel der Traumtiefe gibt es keine Zwischenräume. Zufluchtsorte nur für verlorene Schlafwandler des Glücks. Das ästhetische Schild vor dieser Terra incognita ist überschrieben mit dem Emblem "Betreten verboten". Es gibt kein Zurück.
Diesen Zonen dennoch fundiertes Futurum abgelistet
zu haben, zählt nicht zu den geringsten Meriten einer kompositorischen Idee der Umfunktionierung von Mythen, Zeiten und Welten, die ihrer Sprache scheinbar noch mächtig waren. Weshalb es in Furrers "Begehren" auch nicht ohne zweierlei Trauermusiken abgeht. Als Klage, Eingedenken und Einspruch. Der Finsternis schwarze Flocken schweben in den Zwischentönen des Geheimen. Die schwebend-flottierenden Figuren des Mythengewirks vermögen es aber nicht, sich frei zu begegnen. Als würden sich dunkle Pfade um Orpheus und Niemand verzweigen zwischen Wahnsinn und Wohllaut. Hinter den allzu bekannten Wegen setzen sich dann vielleicht andere Horizonte frei. So erst wird der Mythos zum Stoff, aus dem andere Träume werden mögen: umfasst von einem völlig neuen Klang.

Die Anderen

Bleiben die Fragen, abermals ins Offene: ob Einsamkeit auch teilbar, das große Versehen, der ominös – vielleicht doppelt – verkehrte Blick tilgbar wäre im namenlosen Raum? Und denkbar, dass wahre Wiederholung möglich sei, wenn auch nur im Vorübergehen, unvermerkt und nebenbei? Es ist, als wären Furrers namenlose Gefährten des Schicksals endlos verfangen im Triebleben von Klanghorizonten, worin ihr Solipsismus kein Ipse mehr finden kann. Sie mögen ihrer eigenen Wege gegangen sein. Verloren sein. Wie alle – vergeblich – Liebenden. "Du kamst aus der einen Einsamkeit / und gehst / in die andere …"

Aus diesem Daseinsgrund, beizeit und "plötzlich jäh" mag dann wie bei Rainer Maria Rilkes poetischer Version von Orpheus und Eurydike ein Gott auftreten, "der sie anhielt und sprach: Er hat sich umgewendet – sie begriff nichts und sagte leise: Wer?"
Wir wissen es nicht: Wer wen? Auch die guten Götter aus Orpheus’ Bezirken haben sich inzwischen verflüchtigt. Das Geheime wird kenntlich nur noch in den Zwischenräumen des Evaporierenden. Und die höhere Grammatik der Gefühle tendiert insgeheim zum Widerruf: gegen das falsche Einverständnis zwischen den Geschlechtern. Die verlorenen Orte der möglichen Begegnung werden nicht mehr zu künstlichen Paradiesen verklärt.
Nachdem er in seiner – vergeblichen – Suche nach erfüllter Vergänglichkeit den leuchtenden Zeichen eines anderen Vorscheins von Rettung und möglicher Versöhnung nicht inne ward, bleibt Orpheus, dem namenlos Verschollenen, nur die Metapher der Zeitlosigkeit. Ob er sie wahrnehmen wird, die letzten Aria-Gesänge seiner Eurydike, im Namen der blicklos steinernen Leere? Es steht dahin. Doch nur um seiner Hoffnungslosigkeit willen ist uns etwas wie Hoffnung gegeben. Als Prinzip. Als Richtung. Vielleicht auch Lichtung.


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