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> Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen > Heinz Schafroth: Die Kunst des Gewichtwegnehmens


Als erste von sechs für das Weiterleben der Literatur unverzichtbaren Tugenden hat der große Italo Calvino in seinen "Vorschlägen für das nächste Jahrtausend" die "Leichtigkeit" untersucht. Sein Leben lang, sagt er am Ende dieses Lebens, habe beim Schreiben "seine Tätigkeit vorwiegend darin bestanden, Gewicht wegzunehmen".
Es ist wahr, und Klaus Händls Texte sind ein weiterer Beleg dafür, die Literatur der Leichtigkeit hat es auch leicht in unseren Herzen und Köpfen. Das wissen die Leser des "Tristam Shandy" oder die Jean-Paul- und die Robert-Walser-Leser. Das soll keine Ahnenreihe sein. Die Aufzählung will bloß so etwas wie Halt bieten, wenn wir die Kunst des Gewichtwegnehmens in Klaus Händls Literatur am Werk sehen, staunend darüber, wie sehr die Leichtigkeit, die aus dieser Kunst resultiert, schon bei einem so jungen Autor "eine Art der Weltsicht" darstellt. So denkt Calvino sich die Leichtigkeit. Frivolität und Oberflächlichkeit sind ihr gänzlich fremd. Und wären ja auch nicht der Rede wert. Es ist, um ein letztes Mal Calvino zu bemühen, "die Leichtigkeit der Nachdenklichkeit", die an Händls Texten beeindruckt. Um eine zufällige, unkontrollierte, fahrige Leichtigkeit kann es sich also nicht handeln. Es ist eine, die gesteuert ist und konzentriert, noch im Taumeln und im Tändeln. "Es gilt, leicht zu sein wie ein Vogel, nicht wie eine Feder", fordert Paul Valéry. Und dieser, der Leichtigkeit der Vögel verpflichtet, kann das Schreiben, das Erzählen auch und vor allem das Ungeheuerliche angehen.
Was aber ist gewonnen, wenn die Literatur das Ungeheuerliche der Leichtigkeit unterwirft? Warum soll sie es nicht drastisch, expressiv und aggressiv zur Sprache bringen? Es gibt ein paar Texte, in denen Händl das tut. Die Unvergesslichen aber sind die, in denen besagte Leichtigkeit sich in die Wörter und Sätze infiltriert und darin ausgebreitet hat. In denen die Poesie, so Jean Paul, "Gegenfüßlerin des Lebens" ist und "die einzige zweite Welt in der hiesigen". Das Leben, die hiesige erste Welt, sie wären das Schwere, das Lastende, das Gewicht oder das Gewichtige. Dass es uns vorerst mittels der Leichtigkeit entzogen ist, in Händls Texten manchmal fast wie für immer, heißt nicht, dass wir ihm wirklich entkommen. Denn die zweite, gegenfüßlerische Welt Jean Pauls ist ganz gewiss nicht als eine verharmlosende und beschönigende vorstellbar. Aber es steigert unsere Kompetenz als Leser, wenn wir dem Ungeheuerlichen langsam auf den Grund gehen müssen, wenn es uns nicht plump entgegentritt, nicht in die Augen springt.
Was ist übrigens das Ungeheuerliche für die Literatur? Der Trojanische und der Dreißigjährige Krieg natürlich. Oder das Erdbeben von Lissabon. Und alles andere, was seither, wo auch immer, weltbewegend war und ist. Aber so ausschließlich, wie man es sich vielleicht vorstellt, ist das alles nicht das Ungeheuerliche. Oft genug ist es, in der und für die Literatur weltgeschichtlich und weltanschaulich betrachtet, von subversiver Belanglosigkeit.
Bei Händl ist das Ungeheuerliche vorzugsweise im Familienleben, Dorf- und Liebesleben lokalisiert. Fritz und Renate (in der Erzählung "Eslarngasse") sind arm. Aber sparsam. Renate darf nur nachts kochen, weil der Nachtstrom billiger ist. Und die beiden sparen schließlich für ihren Wohnungsumbau. "Die Zimmer sollen sechseckig werden wie Bienenwaben". Das Paar hat zwei Töchter im Säuglingsalter. Wenn die gestillt sind, kann das Liebesleben beginnen, "zog sie an seinem Gürtel und sah seine Hose fallen und nahm sich seiner an".
Wenn die Kinder größer werden, wird das Liebesleben schwieriger. Aber die Familienidylle bleibt bis auf weiteres intakt. "So ging es dahin", sagt Händl. Er meint das Leben, sagen wir. Er meint es schon, aber er sagt es nicht. "So ging es dahin" – damit haben wir uns abzufinden. Mit soviel gezielter Schlampigkeit, Unbeholfenheit, Unbekümmertheit. Sätze bei Händl können so sein (so verdreht, so sanft ausgerenkt, so leicht und selbstverständlich wider Regel und Norm gesagt), dass wir uns zunächst einbilden, wir hätten uns verlesen an ihnen. Dieser Autor, und das ist seine merkwürdige Manier, Stifters "sanftes Gesetz" anzuwenden, hat uns hineingelockt in das unmerkliche Ausrutschen, Verrutschen und überhaupt Rutschen seiner Sätze und ins lautlose Zerstäuben der Wirklichkeit, das in ihnen abläuft.
"Vom Kästenwischen ging sie zum Brotschneiden über, die heilige Stanze, und … konnt es nicht ausbleiben, dass Staub und Mehl sich vermählten. Weiter gings zu den Hühnern, sie stahl heute fünf Eier, das schönste, und … war nicht das größte, nahm sie mit sich aus der Küche mit der fetten Luft. Als könne sie nicht wissen, dass sie noch … heute an diesem schönen Ei sterben musste, abends über den Tisch gebeugt, durch ein Blutgerinnsel, das im Druck des Pressens auf die Adern im Gehirn erblüht, wenn sie versucht, das Ei auszublasen, um es für den Osternstrauß zu bemalen …"
So beginnt der Text "Der Loab". Dreieinhalb Seiten geht er weiter, erzählt einen Tag, ein Tagwerk der Dienstmagd Stanze. "Die Chronik eines angekündigten Todes" eigentlich. Aber den Tod erzählt sie nicht noch einmal mit, sondern endet mit dem Satz: "Noch das Ei auszublasen, machte sie Licht in ihrer Kammer und wollte sich danach gut waschen."
Der vorweggenommene Tod der Magd Stanze ist einer von vielen Schachzügen des Autors, um der Erzählung Gewicht wegzunehmen. Seine, des Todes, Anwesenheit ist dadurch so selbstverständlich, so ganz vorausgesetzt, dass sie den Text in der Folge nicht mehr zu belasten braucht. Schwerelos breitet sie sich aus über ihm, wenn er Stanze in ihrem Tagwerk begleitet und von einem Teig erzählt, den sie rührt, "für einen Kuchen zu scharf, für eine Eierspeise zu mehlig, für Palatschinken zu zäh … und die Milch war alle und das Milchgeld auch, und Wasser … zuzugeben, getraute sie sich nicht."
Dieser aussichtslos gerührte Teig – auch der ist das Ungeheuerliche! Und die drei Punkte, die Händl jeweils mitten im Satz oder auch Wort setzt? Auch sie sind eine Strategie, der Erzählung die Kompaktheit zu verwehren. Der Autor fängt mit dem Gewichtwegnehmen ja schon bei seinem Namen an. Händl Klaus steht auf den Buchumschlägen und Manuskripten, und nicht, wie es sich gehörte, Klaus Händl. Wo nämlich heißen wir zuerst mit dem Nach- und erst dann mit dem Vornamen? Einerseits im
Telefonverzeichnis, überhaupt in Verzeichnissen, wo unser Name letztlich Namenlosigkeit, Anonymität bedeutet. Und so, im tieferen Sinn namenlos, sind wir andererseits beim Appell, wenn wir aufgerufen werden. Und wer das zusammennimmt. Appell und Anonymität, kommt leicht darauf, dass Händl mit seinem simplen Einfall eine seit Mallarmé diskutierte Literaturtheorie aufgreift: diejenige von der "absence", der Abwesenheit des Autors in seinem Werk. Nur im Dienste von dessen Autonomie existiert der Autor, ist zu seiner Arbeit aufgerufen von einer Macht, die einst Göttin oder Muse hieß, jetzt gemeinhin mit der Sprache oder der Schrift identifiziert wird. Händl Klaus, das soll damit gesagt werden, ist weit weniger der allmächtige, allwissende Autorengott als Klaus Händl es wäre.
"Es war ... einmal (so beginnt die Erzählung 'Der Sohn und das Madl') eine kleine Familie aus Mutter, Vater und Sohn. Der Sohn wuchs und zog aus. Er roch am Tor eines kleinen Hauses und meinte, sein eigenes Haus gefunden zu haben."
Wer so märchenhaft schön anfängt, beraubt sich jeder Chance, den Untergang und das Grauen der Welt anders als im Märchenton zu erzählen, denkt man. Und rechnet offensichtlich nicht mit Händls Leichtigkeit, die es ihm erlaubt, in und mit seinen Texten umzuspringen, so dass sie dann auf einmal doch daherkommen, der Untergang und das Grauen; die Lieblosigkeit und die Verluste und Katastrophen, der Schmerz und, immer und überall, der Tod.
Alles Ungeheuerliche der Welt kommt so daher. Auf leisen Sohlen, aber unausweichlich real. Händls Texte sind dann wie jene tschechischen Verbrecher, vor denen im Zug Wien-Berlin die Lehrerin ihre Schulklasse warnt, weil sie "über Schlafende herfallen und sie berauben wie ein Fass ohne Boden".
Schlafende berauben wie ein Fass ohne Boden! Wem missglückt sie eigentlich so umwerfend souverän, die herbeigewuchtete Metapher? Der Lehrerin, dem Autor oder mir, dem Leser? "Ich werde nicht klug daraus", sagt letzterer mit Klaus Händl. Oder mit Händl Klaus. Oder wer immer sonst als Ich auftritt in seinen Texten.

Die im Übrigen unbedingt anzusehen sind als eine traumwandlerisch graziöse und unbeirrbare poetische Recherche, im Terrain vague zwischen Witz und Melancholie, zwischen Spontaneität und Berechnung, erzählerischem Übermut und erzählerischer Scheu.

(Gekürzte Fassung der Laudatio auf
Händl Klaus anlässlich der Verleihung des Rauriser
Literaturpreises 1995. Zuerst erschienen in: manuskripte, Zeitschrift für Literatur, Nr. 128/95)


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