[ programme ]



[ calendar ]



[ forum ]

[ tickets ]

medienkunst
[ steirischer herbst ]


[ info ]


[ homepage ]

[ search ]




< zurück

> Alle Jäger danke > Werner Schandor: Jenseits des bürgerlich-ambitionierten Stadttheaters


Für uns, die sich nicht im Glanz der Metropolen sonnen können, ist es schön, dass auch hierorts, in Graz, etwas Belebendes, manchmal Euphorisierendes entstehen kann. Das "Theater im Bahnhof" (TiB), das seinen Namen von seiner ehemaligen Spielstätte im Warteraum des Grazer Hauptbahnhofs ableitet, ist so ein Fall: 1989 gegründet, hat sich das 15-köpfige Ensemble von einer Schar ambitionierter StudentInnen durch konsequente Arbeit an der eigenen künstlerischen Identität zu einer der führenden freien Bühnen Österreichs entwickelt.
Eine der Hauptqualitäten des TiB ist sein erfrischender Zugang zum Begriff "zeitgenössisches Volkstheater". Mit jugendlichem Elan werden zum Beispiel Stücke von Franz Xaver Kroetz, Wolfgang Bauer oder Franzobel mit Elementen der Popkultur quergebürstet, subtil politisch angereichert und dem staunenden Publikum mit Esprit dargeboten. Das Resultat waren ebenso unterhaltsame wie geistreiche Theaterabende, die mit überraschenden Bühnenbildern, zündenden Regieeinfällen und genialen Schauspielermomenten im Gedächtnis haften blieben. Etwa "Hamlet" (2000) in einer Beatnikversion. 1997 ließ man in heimischen Gefilden mit einer vielbeachteten Inszenierung von Werner Schwabs "Volksvernichtung" aufhorchen. International sorgte das TiB mit seiner szenischen Bearbeitung von Gerhard Roths Fotoband (!) "Im tiefen Österreich" für Aufsehen. Beim Theaterfest von Klodzko (Niederschlesien, Polen) wurde diese Produktion 1997 mit dem Festivalpreis für das beste Stück, die beste Regie und die beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet.
Der zweite Schwerpunkt der Truppe liegt auf der Improvisation. Zuerst waren die Improvisationsspiele ausschließlich als Hilfestellung für die Entwicklung von Inszenierungen gedacht, als etwas, das vor der Premiere passiert und nicht unbedingt für das Publikum bestimmt ist. In jahrelanger Praxis auf der Bühne brachten die Grazer das Stegreiftheater zur Meisterschaft. Vorläufige Höhepunkte: Die Siege bei der Improvisations-Europameisterschaft in Dortmund anno 1999 und beim Nürnberger Super-Cup der deutschen Theatersportmeisterschaften im Mai 2000. Weltbürger Harry Rowohlt, der 1999 als Gast bei der TiB-Impro-Soap "Honigbrot" in Wien auftrat, berichtete damals in seiner zeit-Kolumne, er habe die Hauptakteure "unendlich bewundert ob ihres schnellen Witzes und ihrer Spielklugheit". Beide Eigenschaften kann man nach wie vor bei den wöchentlichen Impro-Shows des TiB erleben. Die Wiener Gastauftritte von "Honigbrot" (über das Leben eines schwulen Pärchens und dessen aufgekratzter Nachbarin) wurden übrigens von der Wiener Stadtzeitung "Der Falter" zu den zehn besten Produktionen des Jahres 1999 gezählt – neben Inszenierungen von Peter Zadek, Frank Castorf oder Claus Peymann.
Das "Theater im Bahnhof" macht aber nicht nur Theater, es bereichert auch das Leben von Graz mit Sonderprojekten wie Heimvideowettbewerben oder Song-Contests für die besten Coverversionen aus dem katholischen Gesangbuch "Gotteslob". "Das Publikum hat über diese Aktivitäten die Chance, in die Stadt Einblick zu nehmen und verschiedenen Sichtweisen, Haltungen und Statements zu begegnen", meint Helmut Köpping, der künstlerische Leiter des Ensembles. "Diese Aktivitäten sind ein Lebensnerv für das Theater."
Motiviert von einer "Sehnsucht nach dem Anderen", sucht das TiB den Austausch auf künstlerischer Ebene seit geraumer Zeit. Jährlich im November werden europäische und amerikanische Ensembles zu einem "Impro-Cup" nach Graz eingeladen. So ist es nur logisch, dass man für die heurige Produktion im steirischen herbst ebenfalls die
Kooperation mit einer anderen professionell agierenden freien Bühne, dem Theater klara Basel, angestrebt hat. Schließlich gilt es zu beweisen, dass auch in vergleichbaren europäischen Städten Spitzentheater passiert, das sich einen Platz jenseits von monumentalem Staats- und Festivaltheater sowie bürgerlich-ambitioniertem Stadttheater erobert hat.


< zurück