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> Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper > Theo Steiner: Zur Einführung


Die täglichen Medienberichte über Forschungsergebnisse oder –vorhaben im Bereich der Gentechnologie transportieren das Selbstbild der medizinischen Forschung als mächtiges Instrument zur Hebung des Lebensstandards. Im Rahmen dieses Programms werden immer mehr Bereiche des menschlichen Lebens von der Bio–Macht vereinnahmt. Diese weitreichenden Konsequenzen der Gentechnologie erfordern eine fundierte kulturwissenschaftliche Reflexion. Ein solches Vorhaben ist in den Worten Michel Foucaults "weder für eine Medizin gegen eine andere ..., noch gegen die Medizin für ein Nichtvorhandensein der Medizin". Das Symposium "Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper" stellt sich die Aufgabe, die Auswirkungen für unser ethisches und ästhetisches Selbstverständnis zu analysieren und die impliziten Ziele der Biopolitik kritisch in Frage zu stellen.

Die Kritik an der Biotechnologie konzentriert sich immer wieder auf die Metaphern und Bilder, die zur Darstellung der Bio–Macht verwendet werden. Die drei Titelworte dieser Konferenz beziehen sich auf den menschlichen Körper und implizieren dessen Veränderbarkeit. "Genpool" ist ein wissenschaftlicher Terminus technicus und bezeichnet die vorhandenen genetischen Ressourcen, die Gesamtheit aller Gene, welche die Mitglieder einer Population aufweisen. "Menschenpark" stammt aus einem Text des Karlsruher Philosophen Peter Sloterdijk und fasst die Vorstellung einer Selbstkultivierung der menschlichen Gattung metaphorisch. Und mit dem Begriff "Freizeitkörper" fokussiert die Soziologie somatische Belange abseits des Berufslebens, insbesondere die Tatsache, dass Körper phänotypisch nicht mehr vom und fürs Arbeiten, sondern durch und für Freizeitaktivitäten geprägt werden.

Ein Pool ist nicht nur ein nicht allzu großes, stehendes Gewässer, vor allem ein Schwimmbecken, sondern auch ein Bestand an Fahrzeugen oder ein gemeinsamer Geldfonds verschiedener Firmen. Höchstwahrscheinlich dienten diese älteren metaphorischen Verwendungsweisen bei der Erfindung des Wortes "Genpool" als Vorbilder. Eine Metapher überträgt die Bedeutung des Ausgangsworts auf einen neuen, ungewohnten Gegenstand und somit ruft "Genpool" zuallererst die Erinnerung an ein Schwimmbecken wach. Eine solche Assoziation an Freizeit stellt sich auch bei dem Ausdruck "Menschenpark" ein.

Ein Park kann ein großer Garten sein, das Areal rund um ein Landhaus oder ein Stück unbebautes Land zu Erholungszwecken. Oder das Wort meint ebenfalls einen speziellen Bestand an Fahrzeugen, den Fuhrpark. Weiters kann damit ein Gebiet bezeichnet werden, das einem bestimmten Zweck gewidmet ist: Vergnügungspark, Themenpark, "science park" oder Gewerbepark. "Pool" und "Park" benennen also öffentliche Einrichtungen zur gemeinsamen Nutzung, vorrangig jedoch beschreiben sie zwei unserer wichtigsten Freizeiteinrichtungen.

Mit dem Neologismus "Menschenpark" meinte Peter Sloterdijk, dass der Mensch gewissermaßen nicht mehr des Menschen Wolf, sondern sein Gärtner sei. Die Metapher evoziert Weitläufigkeit, spricht in naturalisierender Weise den Aspekt der Gemeinsamkeit an und wirkt verharmlosend. Dieser Wortschöpfung eignet allerdings auch ein aggressiver Aspekt, denn die Erholungsfläche Park ist zugleich Inbegriff regulierenden Eingreifens. Das Spektrum gärtnerischer Interventionen reicht vom Einsetzen erwünschter Pflanzen, Zurechtstutzen von Hecken und nivellierenden Mähen des Rasens bis zum Entfernen von so genannten Unkräutern. Wir müssen gar nicht an "rücksichtslose Ausjäte", eine Kampfvokabel des deutschen Sozialhygienikers Alfred Ploetz (1860–1940) denken, um mit "Menschenpark" die Macht über organisches Material zu assoziieren. Dieses sprachliche Bild widerspricht folglich dem ethischen Selbstverständnis, dass wir weder von Genen noch von sozialen Prägungen, geschweige denn von selbst ernannten Menschengärtnern determiniert werden wollen.

Die Biopolitik verspricht Bestimmung des eigenen biologischen Schicksals, längere Lebenserwartung bei gleichzeitiger Ausschaltung von Krankheiten, Freiheit von den Zufällen des Vererbungsprozesses und schließlich eine "gerechte" Verteilung der körperlichen Dispositionen. Die verwendete Rhetorik der Kontrolle zeichnet nicht nur das Bild einer harmlosen Designerbiologie, sondern vermittelt unterschwellig auch das Versprechen einer Sozialhygiene auf dem neuesten Stand der Technik. So aktualisiert die Bio–Macht die alten Träume von der Verbesserung des Menschen und der Gesellschaft und bedient dadurch allgegenwärtige Utopiesehnsüchte. Indem sie die allgemein menschliche Angst vor Krankheiten evoziert, lenkt sie zugleich von den großen gesellschaftlichen und vom Menschen geschaffenen Problemen der Gegenwart ab – Hunger, Umweltverschmutzung, ethnische Konflikte. Und durch die implizite Hierarchie der guten und schlechten Gene legitimiert sie gesellschaftliche Unterschiede. Dank dieser Entlastungsstrategie geht es nicht mehr um politische Probleme, sondern um Individuen, die durch Krankheit oder Behinderung der Allgemeinheit "zur Last fallen". Aber auch auf individueller Ebene gilt das genetische Modell als willkommene Entlastung, denn psychosoziale Tendenzen können einfach "den Genen" zugeschrieben werden. Solcher Eskapismus ist ein Charakteristikum der Freizeitgesellschaft.

Im Kontext der Marktfähigkeit des menschlichen Körpers verspricht uns das Projekt eines gentechnischen Selbst–Tunings noch in anderer Hinsicht Erleichterung: Anders als plastische Chirurgie und Fitneßstudio, die erst nach dem Konstatieren eines Defekts oder Defizits zur Anwendung kommen können, sollen genetische Manipulationen den angestrebten Erfolg einfach durch Ein– oder Ausschalten des entsprechenden Gens garantieren. Und anders als die Kollektivneurose Wellness will die Biotechnologie drohende Krankheiten nicht durch aufwändiges Vorbeugen bekämpfen, sondern gleich bei der genetischen Wurzel ausrotten. Dass Krankheiten auch komplexe Folgen bestimmter umweltbedingter Gegebenheiten und ungesunder Lebensweise sind, wird genauso ausgeblendet wie die Tatsache, dass Anstrengungen auch stärkende Erfahrungen darstellen. Die Biotechnologie ist in diesem Sinn nicht einfach nur eine weitere "sunrise industry" neben anderen, sondern schlechthin die wissenschaftlich–technische Avantgarde einer vorgeblich arbeitsfreien Zukunft.

Als der deutsche Physiologe Wilhelm Weichardt 1904 einen Impfstoff gegen die Müdigkeit ankündigte, täuschte er sich zwar in medizinischer Hinsicht, lieferte jedoch der Gesellschaft seiner Zeit maßgeschneidert die Utopie der unerschöpflichen Arbeitskraft. Müdigkeit, die dem menschlichen "Motor" und seiner Ausbeutung Grenzen setzte, wurde zu etwas Pathologischem erklärt und als Hindernis des Fortschritts bekämpft. Die Auffassung der industriellen Arbeit als Paradigma des menschlichen Handelns und der Moderne begann zwar in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts ihre zentrale Bedeutung zu verlieren, doch der ärztliche Blick unserer Gegenwart nimmt den menschlichen Körper weiterhin als Verkettung von Symptomen und potenziellen Defekten wahr. Die akribische Beschäftigung des postmodernen Subjekts mit sich selbst resultiert aus eben jener Angst, dass ein Körperteil oder der gesamte Körper nicht diejenige Leistung erbringen könnte, die den gesellschaftlichen oder eigenen Erwartungen entspricht.

Das Selbstverständnis und der gesellschaftliche Status einer Person leiten sich nicht nur von ihrer Position in der Arbeitswelt, sondern immer stärker vom Freizeitverhalten ab. Gerade in dieser Situation soll die Biotechnologie den erforderlichen Arbeitskörper voll einsatzfähig halten. Zugleich ist der Freizeitkörper bei seinen Aktivitäten weitgehend denselben Leistungszwängen wie in der Arbeitswelt unterworfen und auch er soll die für ihn verfügbare Zeit bei bester Gesundheit absolvieren. Zum einen stellt sich uns also die Frage, wie und wozu Körper reguliert werden sollen. Doch zum anderen ließe sich mit den Körpern, wie wir sie haben, und als Körper, so wie wir sind, schon sehr viel tun. Weshalb sollten wir abwarten und uns fragwürdigen Experimente zur körperlichen Selbstverbesserung überlassen?


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