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> Genpool, Menschenpark, Freizeitkörper > Abstracts dt.


Claus R. Bartram
Wie gläsern ist der Mensch nach der Entschlüsselung seines Genoms?

Die erste Phase des Genomprojektes hat zu einer erheblichen Erweiterung unseres Einblickes in den Aufbau des menschlichen Erbgutes geführt. Allerdings bleiben auf absehbare Zeit wesentliche Aspekte des genetischen Informationsflusses wie etwa die Charakterisierung präziser Genfunktionen, ihre zeitgerechte und gewebespezifische Aktivierung sowie das Zusammenspiel ihrer Produkte in zahlreichen Regelkreisen der Signalvermittlung weitgehend unbekannt. Insofern ist das Schlagwort vom gläsernen Menschen irreführend. In der Medizin kommt noch eine weitere Dimension der Komplexität hinzu, geht es hier doch nicht allein um die Normalfunktion von Genen, sondern um den Einfluss distinkter Veränderungen (Mutationen) eines oder mehrerer Gene – ggf. im Wechselspiel mit exogenen Faktoren – auf den Krankheitsverlauf. Genotyp-Phänotyp-Korrelationen kommt eine zunehmende Bedeutung bei klinischen Entscheidungsprozessen zu. Letztlich folgen fast alle Krankheiten einem komplexen, individuell modifizierten Entstehungsprozess. Das Denken in diagnostischen und therapeutischen Schubladen entspricht nicht dem Kenntnisstand moderner Medizin. Eine neue Situation ergibt sich aus der Möglichkeit, genetische Anlagen zu erkennen, die zum Ausbruch einer Krankheit disponieren. Beispiele wären familiäre Formen von Tumorerkrankungen. Eine solche prädiktive Diagnostik sollte immer in ein interdisziplinäres Betreuungskonzept eingebunden sein, bei dem vor der molekularen Analytik ausführlich die möglichen Ergebnisse, die Aussagekraft des Testes sowie nachfolgende Konsequenzen besprochen werden. Eingegangen werden soll auch auf ein anderes Problemfeld: die pränatale Diagnostik einschließlich der Möglichkeit zur Präimplantationsdiagnostik. Insgesamt ergibt sich ein zunehmender Bedarf an adäquater Vermittlung genetischer Grundlagen von Krankheiten, wobei diese häufig nicht nur für den jeweiligen Patienten oder Ratsuchenden von Bedeutung sind, sondern für seine Familie insgesamt. Die mehrere Generationen überspannende Dimension der ärztlichen Betreuung ist ein besonderes Merkmal der humangenetischen Beratung. Es ist bemerkenswert, dass gerade im Zeitalter von technischen Revolutionen und rasanten Informationssprüngen der sprechenden, auf den einzelnen Menschen abgestimmten Medizin die Zukunft gehört.


Lennard Davis

Die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Humangenomforschung problematisieren unsere gängigen Konzepte zur Kategorisierung des Körpers. Überkommene Kategorien wie behindert/nicht behindert oder normal/abnormal scheinen überholt, insbesondere im Kontext der neuen Genetik. Gerade im Zusammenhang mit pränatalen Gentests müssen Vorstellungen wie Defekt, Behinderung und Normalität hinterfragt werden. Die Relevanz der Kategorie Behinderung ist in das Kreuzfeuer postmoderner Kritik geraten, nicht nur durch Theoretiker, sondern auch im Bereich der Naturwissenschaften und Rechtsprechung. In verwandten Gebieten wie Geschlecht, Ethnizität und sexueller Orientierung hat die Genforschung die Relevanz absoluter Kategorien in Zweifel gezogen. Was aber 'kennzeichnet' einen Körper angesichts des Humangenomparadigmas als gleich oder anders? Wenn Kategorien wie 'Rasse' aus genetischer Sicht ihre Gültigkeit verloren haben, wie sollen wir zu anderen 'Abnormitäten' stehen? Brauchen wir eine neue Körperethik, nun, da die Fundamente des Paradigmas 'Behinderung/Normalität' unter dem Druck des postmodernen, globalisierten Körpers abzubröckeln beginnen? Das Humangenomprojekt erlaubt uns, das Verhältnis zwischen Körper und Staat umzugestalten bzw. jene Identitätskategorien neu zu definieren, die auf die in den Herrschaftsdiskursen und -systemen des 19. Jahrhunderts wurzelnde Politik der Differenz zurückgehen. Möglicherweise wird sich die Idee der Multikulturalität – die nicht selten von körperlichen Unterschieden oder sozialkonstruktionistischen Ideen beruhend auf empfundenen körperlichen Unterschieden ausgeht – weiterentwickeln müssen hin zu kosmopolitischen und universalistischen Konzepten von größerer Aktualität und Fortschrittlichkeit.


Barbara Duden
Das Alltagsgen: Anmerkungen zu den Genen im Kopf.

Seit langem beschäftigt mich die Zeitgeschichte der erlebten, leibhaftigen Selbst-wahrnehmung. In nur wenigen Jahren sind "die Gene" zu einem wichtigen Element im körperlichen Selbstverständnis von Frauen geworden. Ausdrücklich enthalte ich mich jeder Meinung darüber was "Gen" in Wirtschaft, Industrie oder Wissenschaft ist; beschränke meine Untersuchung ausschliesslich auf diese Gene im Kopf; genauer noch, die Gene im "Ich", das eigene Genom, auf das mit der ersten Person Einzahl verwiesen wird. Mich beschäftigt also der genetische Text, wenn er von mir als seinem Phänotyp "gelesen" wird.


Ian Hacking
KÖRPERTEILE, GROSS UND KLEIN
Unsere Organe – Herz, Nieren etc. – sind große Körperteile. Unsere Gene dagegen sind winzig. Vor kurzem noch galten beide als untrennbar mit unserem Selbst verbunden: Man sah sie als unterschiedliche Ausdrucksformen unserer körperlichen Existenz. Erkrankte ein Körperteil, konnten wir wenig dagegen tun. Heute ist alles anders. Heute werden Organe verpflanzt und, wenn auch manchmal verbotenerweise, gehandelt. Wenn Gene Informationen darstellen, verkaufen ganze Bevölkerungen ihre Gene – man denke nur an Island. All dies scheint die Vorstellung, die wir von der Beziehung zu unserem Körper haben, vollständig zu verändern. Oder handelt es sich um die Erfüllung eines kartesianischen Traumes, in dem der Körper nichts weiter ist als eine Maschine im Raum, während der Geist in anderen Dimension wohnt?


Jürgen Hampel
Gentechnik und gesellschaftlicher Diskurs

Die Kontinuität des Gentechnikkonflikts, der in den 1970er Jahren begann und bis heute andauert verdeckt, dass sich die Inhalte über die diskutiert wurde, mit der Entwicklung der Gentechnik von der Forschungsmethode hin zur angewandten Wissenschaft verändert haben. Standen zu Beginn der Debatte Fragen der Laborsicherheit im Vordergrund, sind an deren Stelle mehr und mehr die gesellschaftlichen Auswirkungen der Anwendung dieser Technologie getreten. Nach der Geburt von Dolly, dem ersten aus den Zellen eines erwachsenen Tiers geklonten Schafes im Februar 1997 verlagerte sich der Schwerpunkt der öffentlichen Diskussion von der bis dahin dominierenden grünen Gentechnik hin zur Anwendung der Gentechnik am Menschen. Nicht nur die Themen über die diskutiert wird, haben sich im Verlauf der Gentechnikdebatte verändert, sondern auch der soziale Raum dieser Kontroversen. Beschränkten sich diese in den 1970er Jahren noch auf die wissenschaftliche Gemeinschaft, hat sich die Diskussion seit den 1980er Jahren zu einer breiten gesellschaftlichen Kontroverse geöffnet. Die Verbreiterung der sozialen Basis der Gentechnikdiskussion wurde von Wissenschaftlern, Politikern und Wirtschaftsvertretern, die durch die Auseinandersetzungen die Ausschöpfung des wissenschaftlichen und ökonomischen Potentials der Gentechnik gefährdet sahen, als Bedrohung wahrgenommen. Öffentliche Diskussionen wurden als irrational und emotional abgewertet. Empirische Studien, die die Wahrnehmung der Gentechnik durch die Bevölkerung untersucht haben, kommen zu einem ganz anderen Ergebnis. Unterschiedliche Bewertungen zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit sind nicht darauf zurückzuführen, dass die einen, die Wissenschaftler, rational und die anderen, die Öffentlichkeit, emotional urteilen, sie sind vielmehr Folge unterschiedlicher Bewertungsmaßstäbe. Hier treffen unterschiedliche Rationalitäten aufeinander, nicht Rationalität und Emotionalität. Letztlich geht es bei diesen Diskussionen im wesentlichen nicht um die Feststellung wissenschaftlicher Sachverhalte, sondern um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden in Europa Anwendungen der Gentechnik in der Landwirtschaft und bei der Lebensmittelproduktion von der Öffentlichkeit eher kritisch bewertet, was sich in den letzten Jahren sogar noch verschärft hat, trifft die medizinische Anwendung der Gentechnik auf breite Zustimmung. Genauere Analysen zeigen jedoch, dass diese Zustimmung durchaus ambivalent ist. Dass bei medizinischen Anwendungen der Gentechnik neben Heilungserwartungen auch negative Folgen zu bedenken sind, von der Missbrauchsgefahr bis hin zu Veränderungen unseres Wertekanons, ist der Bevölkerung durchaus bewusst. Gentechnik schließt hier direkt an menschliche Urmythen von der Erschaffung des Menschen durch den Menschen an, vom Homunculus der Alchimisten über den Golem bis zu dem Geschöpf Frankensteins. So ist es kein Zufall, dass die medizinischen Anwendungen der Gentechnik, nachdem die technischen Voraussetzungen für die Anwendung geschaffen waren, heftige gesellschaftliche Kontroversen auslösten, von der Verwendung embryonaler Stammzellen über die Präimplantationsdiagnostik bis hin zum mehrfach angekündigten Klonen von Menschen. Im Unterschied zur grünen Gentechnik, bei der sich die Öffentlichkeit noch auf die Position zurückziehen konnte, dass an dieser Entwicklung eigentlich gar kein Bedarf bestehe, haben wir es bei der medizinischen Gentechnik mit Dilemmata zu tun, die so einfach nicht aufgelöst werden können. Im Unterschied zur grünen Gentechnik, bei der die Erörterung ethischer Probleme bis in die Gegenwart hinein verweigert wurde, werden zur Lösung der Entscheidungsprobleme, die die Entwicklung der Gentechnik im medizinischen und diagnostischen Bereich mit sich bringt, allerorten Ethik-Kommissionen und Ethik-Beiräte gegründet. Diese Institutionalisierung der Diskussion dürfte als solche kaum ausreichen, um den gesellschaftlichen Diskussionsbedarf zu befriedigen; schon gar nicht dürften sie in der Lage sein, stellvertretend für die Gesellschaft zu verbindlichen Entscheidungen zu gelangen. An einem breiten gesellschaftlichen Diskurs über diese Themen führt daher kein Weg vorbei.


Peter Ulrich Hein
Stereotypen der Individualität. Gentechnische und soziologische Perspektiven des Körperkultes.

Der genmanipulierte oder gar geklonte Mensch scheint einen Aspekt der Menschenwürde zu konterkarieren, welcher im Begriff der Individualität einen zentralen Wert entwickelter Gesellschaften bildet. Eine Analyse der für die Individualisierungsprozesse mobilisierten ästhetischen Muster zeigt allerdings eine fortschreitende Stereotypisierung jener dem Individuellen zugeordneten Attribute. Neben einem Kult des expressiven, des gesunden und des virtuellen Körpers, generiert insbesondere ein "naiver Körperkult" enge Standards psychophysischer Optimierung. Unter der Prämisse ästhetischer Stereotypenbildung verlieren die kulturellen Perspektiven gentechnisch erzeugter Standards an paradigmatischer Kraft, als die konventionellen Mechanismen sozialer Normenbildung wieder stärker ins Blickfeld rücken: Die Akzeptanz gentechnisch generierter Persönlichkeitsprofile richtet sich demnach nicht an den Angeboten einschlägiger wissenschaftlicher und industrieller Offerten aus, sondern vielmehr an den alltagsästhetischen Realitätskonzeptionen in den unterschiedlichen Milieus und Nutzergemeinschaften der Gesellschaft.


Christian Judith
Gedacht Gemacht Vernichtet. Reduktionistisches Menschenbild als Voraussetzung zur Selektion

Der aktuellen Goldgräbermentalität und der allgemeinen verheißungsvollen Heilungserwartungen steht nur die Würde des Menschen gegenüber; Und nun auf dem Spiel. Die Situation beschreibt sich einfach und plakativ. WissenschaftlerInnen wollen forschen, Forschen, um zu heilen und auch um neue Erkenntnisse zu sammeln. Das tut nun mal die Forschung. Doch wo soll geforscht werden, es wird am Menschen, es wird der Mensch geforscht, beforscht. Dies ist nichts neues, dies ist Voraussetzung der Medizin. Neu ist, das der Mensch zum Objekt und zur Bergehrlichkeit der Wissenschaft wird. Entstehendes Leben, entstehende Menschen werden Objekte und werden verbraucht. Nicht weil skrupellose Frankenstein-mechanikerInnen sich auf gemacht haben zu neuen Ufern, sondern weil angeblich die Heilung schwerst – leidender - kranker - und behinderter Menschen es so einfordern. WissenschaftlerInnen, MedizinerInnen als unschuldige DienstleisterInnen, die nur dem Ruf und dem Willen des Volkes folgen wollen. Die Realität ist etwas anders. Menschen mit Behinderungen sind heute Seismographen einer Gesellschaft, die der normativen Kraft des Faktischen erliegt. Tägliche Diskussionen über das Lebensrecht, Lebensqualität von Kranken und Behinderten lassen das Bild einer Gesellschaft entstehen, die keine Abweichung der Norm mehr verträgt. Selbstbewusstsein und Stolz von Menschen mit Behinderungen sind nicht mehr gewünscht. Der Behinderte, die Kranke ist Objekt seiner Ihrer Heilung, wird dies Ziel nicht erreicht, ist das Objekt frei zur Selektion. Ist dies die Realität? Ist die Polemik? Ist dies die Enttäuschung eines Optimisten in einer Welt der ethischen Auflösung?


Alexander Kelle
Die Atomwaffe der Armen? Gefahr durch biologische Waffen und multilaterale Kontrolle

Zu Beginn des Papers steht die Frage, was biologische Waffen (BW) sind. In diesem Zusammenhang wird das Schreckgespenst der biologischen Kampfstoffe ebenso erläutert wie das 'Dual-use'-Problem. Die Bedrohung durch BW wird unterteilt in drei genauer definierte Gefahrenquellen: Zunächst wird die Verbreitung von BW analysiert. Zu diesem Zweck werden die Motive untersucht, die hinter den Bemühungen zur Weitergabe und Verbreitung von BW stehen, mit einem kurzen Verweis auf historische Beispiele. In einem nächsten Schritt wird die erst kürzlich erkannte Bedrohung durch den Bioterrorismus thematisiert, d.h. die Weitergabe von BW an nicht-staatliche Akteure. Schließlich werden die Fortschritte der Biotechnologie und die mögliche Entwicklung neuartiger biologischer Kampfstoffe analysiert. Überlegungen zum Schutz vor diesen Gefahren konzentrieren sich auf die Biowaffenkonvention (Biological und Toxin Weapons Convention/BTWC) aus dem Jahr 1972. Nach der Diskussion der Reichweite, Errungenschaften und Mängel dieser Konvention werden Versuche untersucht, ihre Schwachpunkte durch Aushandlung eines rechtsverbindlichen Zusatzprotokolls auszugleichen. Diese multilateralen Bemühungen zur Kontrolle von BW werden durch – zumeist – nationale Ausfuhrkontrollen einerseits und Schutzmaßnahmen gegen biologische Kriegführung und Bioterrorismus andererseits ergänzt. Beide Maßnahmen werden kurz dargestellt und daraufhin bewertet, inwieweit sie die multilateralen Bestrebungen unterstützen, die Verbreitung von BW zu verhindern oder zu bekämpfen.


Gabriele Klein
Cut `n´ Mix. Die Neuerfindungen des Körpers

Die Moderne unterhält ein paradoxes Verhältnis zum Körper. Zum einen unterstellen modernitätskritische Stimmen ein Verschwinden des Körpers und führen dies schon mehr als ein Jahrhundert lang auf zunehmend abstrakter werdende Arbeits- und Kommunikationsbeziehungen zurück. Zum anderen behaupten sie aber auch, daß der immer wieder aufflammende Kult um den Körper dessen Aufwertung bedeute. In der Körperaufwertung zeige sich die Verdrängung des Ethischen durch das Ästhetische, der Erfahrung durch das Erlebnis. Die Paradoxie von Verschwinden und Erscheinen, von Abwertung und Aufwertung zeigt sich auch in den Diskursen der Bio- und Gentechnologien und der Medientechnologien. Die technologische Fragmentierung des Körpers, seine Zerstückelung und Parzellierung stellen das Körperkonzept der Moderne radikal in Frage und provozieren dessen Neukontextualisierung. Der Körper wird neu erfunden. Der Vortrag stellt die Frage nach den Korrespondenzen zwischen den alltäglichen Gestaltungs- und Inszenierungstechniken und den mit Bio- und Medientechnologien einhergehenden Neukonzeptionalisierungen des Körpers. Er beschreibt die Nachmoderne Denkfigur des Körpers als ein Cut 1nŒ mix, als eine in den verschiedenen Feldern gleichermaßen anzutreffende Schneide-, Misch- und Basteltechnik, derzufolge der Körper als grundlegend gestaltbar begriffen wird. Dies bringt eine radikale Transformation der Denkfiguren des Körpers zum Ausdruck: der als vorgängig und essentiell gedachte 'ganze' Körper der Repräsentation wird durch den konstruierten, in der Performanz hergestellten Körper ersetzt. Die für die Moderne charakteristische Paradoxie von Verschwinden und Erscheinen scheint sich aufzulösen in neuen Formen der Verkörperung.


Elisabeth List
Technikbegehren und Ökonomie

Technikbegehren – das ist der Wunsch nach Selbstverwirklichung und Perfektionierung durch Einsatz von Technik. Es ist der Wunsch des Solitären, aus allen Bindungen gelösten Individuums der Konsumgesellschaft, sich durch den Besitz von Objekten zu unterscheiden. Dazu bieten sich heute die Produkte der Technik an, die ständig in neuer und verbesserter Form auf den Markt kommen. Wenn sich die technische Innovation des menschlichen Körpers bemüht, eröffnet sich eine neue Schiene individueller Selbst-Perfektion durch technoide Substitute für den mittlerweile obsolet erklärten "alten" Körper: der Einsatz der eigenen Sinne durch den Muti-Media-PC, der Ersatz der eigenen Kreativität durch die Maschine und der Ersatz von Körperteilen durch die Prothese. Entfremdet von sich selbst als lebendiges, spürendes Wesen, ist das solitäre Konsum-Ich auch unempfindlich für die Begegnung mit dem Anderen. Es stiehlt sich aus dem Menschenpark, taucht ein in den Genpool und entsteigt ihm mit einem neuen Freizeitkörper.


Reinhard Merkel
Grundrechte für frühe Embryonen? Normative Grundlagen der Präimplantationsdiagnostik und der Stammzellforschung

I. Vorüberlegung: Unterscheidungen
1. Einwände gegen die Zulässigkeit einer verbrauchenden Embryonenforschung lassen sich in zwei unterschiedlichen Perspektiven formulieren: im Hinblick auf schützenswerte Belange des Embryos selbst und im Hinblick auf solche der Allgemeinheit. Zwischen beiden gibt es ein normatives Rangverhältnis: Zuerst muß der Schutzstatus des Embryos geklärt werden. Denn er könnte ein kategorisches Verbot jeder verbrauchenden Forschung erzwingen. Damit wären weitere Erwägungen mit Blick auf die Gesellschaft überflüssig oder gegenstandslos.
2. Zwei Normquellen kommen in Frage: Recht und Ethik. Auch hier gibt es ein Rangverhältnis: Zu klären ist vorrangig die Rechtslage. Denn wenn der Lebensschutz des Embryos von den fundamentalen Artikeln der Verfassung (Art. 1, Menschenwürdeschutz, und Art. 2, Recht auf Leben) erzwungen würde, so geriete jede ethische Reflexion in den Status eines Glasperlenspiels. Diese Artikel sind änderungsfest. Abweichende Forderungen wären irreal.
II. Recht
Die rechliche Analyse zeigt auf der Ebene des einfachen Gesetzes, im Embryonenschutz-gesetz (ESchG) von 1991, ein Verbot jeder Zerstörung von extrakorporalen Embryonen. Der Text des Grundgesetzes dagegen enthält ein solches Verbot nicht. Einzige mögliche Quelle für den Grundrechtsstatus des Embryos sind daher die beiden Entscheidungen des Bundes-verfassungsgericht (BVerfG) zur Abtreibung (1975 und 1993). In beiden wird ein Lebens- und Würdegrundrecht des Embryos postuliert (weswegen sog. "beratene" Abtreibungen rechtswidrig bleiben müßten). Gleichwohl existiert es im geltenden Recht nicht. Die Entschei-dung von 1993 enthält einen selbstdestruktiven Widerspruch. In seiner Folge werden "beratene" Abtreibungen von allen an der Rechtsverwirklichung in dieser Gesellschaft beteiligten Instanzen als rechtmäßig behandelt. Damit sind sie es. Wie sie genannt werden, ist dafür ohne Belang. Ein Grundrecht auf Leben und Würde des Embryos ist daher de lege lata ausgeschlossen. Die rechtliche Analyse ergibt somit eine verfassungsrechtliche tabula rasa und ein Verbot auf der Ebene des einfachen Gesetzes. Da das letztere geändert werden kann, stellt sich die ethische Frage, ob es dies sollte.
III. Ethik
1. Im Hinblick auf den Embryo selbst lassen sich vier mögliche Argumente zur Begründung eines (ethischen) Schutzstatus für Leben und Würde formulieren. Ich nenne sie Spezies-, Kontinuums-, Potentialitäts- und Identitätsargument. Keines dieser Argumente kann das ethische Postulat eines embryonalen Grundrechts auf Leben und Würde begründen. Meine Analyse unterscheidet drei Fundamente für moralische Pflichten und für die ihnen korrespondierenden Rechte anderer: Verletzungsverbote (korre-spondierend mit genuin subjektiven Rechten), Solidaritätspflichten (korrespondierend mit prinzipiell abwägbaren Schutzpositionen), Normenschutz (mit der möglichen Folge einer Zuschreibung subjektiver Rechte). Das Ergebnis der Analyse: Embryonenschutz ist Solidaritätspflicht; Normschutzerwägungen machen die Zuschreibung subjektiver Rechte für Embyronen nicht plausibel; Solidaritäts-pflichten sind abwägbar; die Wünsche prospektiver Eltern nach einem gesunden Kind (Präimplantationsdiagnostik) und die therapeutischen Chancen der Stammzellforschung über-wiegen die Solidaritätspflichten gegenüber frühen Embryonen deutlich.
2. Belange der Allgemeinheit stehen diesem Ergebnis nicht mit überwiegendem Gewicht entgegen. Die gegenteiligen Behauptungen sind schon in ihren empirischen Prognosen unplausibel. Und ethisch ist es unzulässig, wegen des entfernten Riskos unerwünschter sozia-ler Nebenwirkungen (die jederzeit korrigierbar wären) moralisch gebotene Hauptwirkungen vollständig zu blockieren.


Dietmar Mieth

Die biomedizinische Forschung bewegt sich mit hohem Tempo. Der Fortschritt folgt dem Muster der Genetik. Die Versprechungen sind groß: Heilung von Krankheiten durch Forschung an Stammzellen, für die menschliche Embryonen als Rohmaterial dienen; Auswahl von genetisch belastenden Embryonen auf Wunsch der Eltern. Wo werden die Wunschträume nach einem besseren, gesünderen, erfolgreicheren Leben zu Alpträumen, schleichen sich eugenische Gedanken durch die Hintertüre hochwissenschaftlicher Forschung wieder ein? Wie verändern sich dabei das Bild vom Menschen und die Werte in der Gesellschaft? Dietmar Mieth zeigt, wo die moralischen Probleme liegen, wenn die Zukunft zur Fiktion wird und wir dafür wesentliche Werte aufgeben. Ein Plädoyer für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem, was Menschen können - und für eine Ethik, die vor komplexen Problemen nicht abdankt.


Kathryn Nixdorff
Biotechnologie, universitäre Forschungsethik und potentielle militärische Nutzung

Dieser Beitrag liefert eine kurze Einführung in die revolutionären Entwicklungen der Biotechnologie und ihre Auswirkungen auf die biologische Forschung für militärische Zwecke. Anhand dreier Beispiele, in denen es um 'Dual-use'-Forschungsaktivitäten geht, werden die Probleme und Dilemmata ethischer Entscheidungsfindung dargestellt. Auf diese drei Beispiele wurde das Model einer konstruktiven und prospektiven Friedensethik angewendet. Um die Berechtigung dieser Forschungsaktivitäten zu beurteilen, wurden Richtlinien für Wertüberlegungen und das Treffen von Entscheidungen unter unsicheren Bedingungen vorgestellt. Bei dem hier dargestellten Aspekt der präventiven Rüstungskontrolle geht es darum, neue Technologien im Frühstadium ihrer Entwicklung, d.h. auf Forschungsebene, zu beurteilen. Der 'Dual-use'-Charakter der Biotechnologie macht es sehr schwierig, für ein grundsätzliches Verbot biologischer Forschung einzutreten. Die geplanten Kontrollen und die Anwendung ethischer Entscheidungsrichtlinien in der Forschung verbessern die Transparenz und können helfen, bei Aktivitäten, die anderen als friedlichen Zwecken dienen, frühzeitig Alarm zu schlagen. Es handelt sich dabei um einen kommunikativen Prozeß, der die Beteiligung aller betroffenen Parteien erfordert.


Dorothy Roberts
Rasse, Genetik und Reproduktionstechniken

Radikalen Feministinnen zufolge verstärken reproduktionsunterstützende Techniken das traditionelle patriarchalische Rollenverständnis, das die genetischen Interessen der Männer in den Vordergrund stellt, die Fortpflanzungsfähigkeit der Frauen hingegen zum Objekt macht. Adoptionsbefürworter kritisieren die große Bedeutung, die der genetischen Bindung beigemessen wird und die so viele unfruchtbare Menschen zu High-Tech-Empfängnismethoden greifen läßt. Darüber hinaus gibt es auch religiöse Bedenken gegen den Einsatz technischer Hilfsmittel bei der Zeugung von Kindern. All diesen Einwänden zum Trotz hat das wieder erstarkte öffentliche Interesse an der Genetik bzw. an der Reproduktionstechnologie die soziale Bedeutung genetischer Beziehungen noch weiter verstärkt.
Nur wenige Sozialkritiker haben sich mit der Frage beschäftigt, wie sich die Rassenzugehörigkeit auf den Einsatz von Reproduktionstechniken auswirkt. Zwar anerkennt die feministische Kritik die Tatsache, daß farbige Frauen der Reproduktionskontrolle besonders schutzlos ausgeliefert sind, doch sieht sie die zentrale Ursache für die repressive Verwendung von Reproduktionstechniken in der Vorherrschaft der Männer. Diese Methoden spiegeln und fördern jedoch auch rassistische Fortpflanzungsnormen. Die in den USA gängige Definition von Rasse als einer vererbten Eigenschaft stellt eine untrennbare Verknüpfung zwischen Genetik und Rasse her. Die soziale und rechtliche Bedeutung genetischer Beziehungen trug zur Aufrechterhaltung eines rassischen Kastensystems bei, das die Vormachtstellung der Weißen mittels Rassenreinheit sicherte. Das Postulat genetischer Verwandtschaft war unerläßlich, um die Reinheit der weißen Rasse in den USA zu bewahren. Möglicherweise liegt der Grund, warum Weiße dem Hauptzweck der In-vitro-Fertilisation – der Zeugung genetisch verwandter Kinder – so große Bedeutung beimessen, im Rassendenken. Der Einsatz technischer Hilfsmittel bei der Schaffung genetischer Bande führt uns vor Augen, wie hoch derartige Beziehungen geschätzt werden. Aktuelle Beispiele mit schwarzen Leihmüttern belegen darüber hinaus, welche Rolle die Abgrenzung zwischen den Rassen auch heute noch spielt, und bestätigen die Wichtigkeit der genetischen Abstammung. Die neuen Fortpflanzungsmethoden zeigen anschaulich, wie ungleich Kinder unterschiedlicher Rasse bewertet werden. Indem sie Gene zu Handelsgütern machen, enthüllen sie die Bedeutung der weißen und die Geringschätzung der schwarzen Hautfarbe. Während für die Zeugung weißer Kinder Millionen von Dollar bereitstehen, werden schwarze Kinder zum Gegenstand der Sozialhilfereform, der Jugendfürsorge oder anderer Maßnahmen gemacht mit dem Ziel, arme Frauen von der Fortpflanzung abzuhalten und ihre mütterlichen Bindungen aufzulösen. Dieser Unterschied zeigt sich auch in der Art, wie Boulevardmedien über die Zeugung weißer bzw. schwarzer Kinder mit Hilfe der modernen Reproduktionstechniken berichten. Die Analyse der Zusammenhänge zwischen Rasse, Genetik und Reproduktionstechniken sollte uns die Augen öffnen für rassisch bedingte Ungleichheiten in der Beurteilung von Reproduktionsentscheidungen und familiären Bindungen.


Barbara Katz Rothman
Die Konstruktion von Rasse: Eine amerikanische Sichtweise

Amerikanische Vorstellungen von Rasse sind stets von der Tatsache beeinflußt, daß die USA selbst eine Geschichte der Sklaverei aufzuweisen haben, in der das Personsein von der Rassenzugehörigkeit bestimmt wurde. Menschen afrikanischer Herkunft galten nicht als (vollwertige) Personen: Ihr Status vor dem Gesetz war nur zu 3/5 der eines Menschen, die Staatsbürgerschaft und das Recht des Personseins im juristischen und moralischen Sinne blieben ihnen verwehrt. Rasse drückte sich im Blut aus: Ein Tropfen schwarzen Blutes genügte, um einen Menschen abzustempeln, ihn seines Menschseins zu berauben und auf den Status eines amerikanischen Schwarzen zu reduzieren. Mit der Genforschung und -technik hat das Blut seine Kraft als Metapher verloren. Die Essenz des menschlichen Wesens liegt heute tiefer: nicht im Blut, sondern in den Genen. Rasse, nicht länger ein sichtbarer und teilbarer Faktor, hat sich vom Körper über das Blut in die Gene verlagert – von der festen über die flüssige hin zu einer neuen Kristallisationsform – und zerfällt in einzelne Wesenszüge.
Mit dem zunehmenden Einfluß von Wissenschaft und Technik verliert die historische Bürde der Rasse jedoch nichts von ihrer Bedeutung. In Amerika ebenso wie überall sonst können wir dieser Vergangenheit nur begegnen, wenn wir uns als Teil von ihr sehen. Unsere gegenwärtige Position bestimmt den Blick zurück und nach vorne. Über Rasse zu sprechen bedeutet in Amerika immer noch, über Menschen afrikanischer Abstammung zu sprechen. Und manchmal scheint in Amerika jedes Gespräch – über Armut, Intelligenz, Gesundheit und Krankheit, Sexualität, Fortpflanzung, Leben, Freiheit und das Streben nach Glück – ein Gespräch über Rasse zu sein. Als weiße Amerikanerin und Mutter zweier weißer und eines schwarzen Kindes nehme ich, wie jeder von uns, einen bestimmten Platz ein. Untersuchen wir gemeinsam, wie die neue Genetik unsere Einstellung zum Thema Rasse beeinflußt.


Silja Samerski
Das "GEN" als trojanisches Pferd: Anmerkungen zur Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten

Vor den Gefahren, die der Anbau von BASTA-resistentem Mais oder Raps mit sich bringen könnte, warnen ökologische Studien und Gentechnik-Kritiker schon seit Jahren. Eine andere Form der Freisetzung, die bereits viel Schaden angerichtet hat, ist jedoch bisher übersehen worden: Die Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten. Ich möchte anhand der genetischen Beratung zeigen, daß das Gerede über "Gene", "genetische Diagnostik" und "genetisch bedingte Krankheiten" eine neue Denkform in den Alltag einschleust. Der Glaube daran, daß es in uns "GENE" gibt, die unser So-Sein bestimmen, öffnet dem Selbst-Verständnis in Form von statistischen und kybernetischen Konzepten Tür und Tor: "Risiko", "Information", "Option" und "Entscheidung" gehören inzwischen zu den zentralen Schlagwörtern medizinischer Aufklärungsgespräche.
In den von mir untersuchten Beratungssitzungen klären Genetiker schwangere Frauen über die genetischen Vorgänge bei der Zellteilung, die Wahrscheinlichkeitsverteilung von klinischen Auffälligkeiten bei Neugeborenen und über vorgeburtliche Testoptionen auf. Durch diese Information sollen die Beratenen zu etwas befähigt werden, was gemeinhin "eigenverantwortliche Entscheidung" genannt wird. Am Beispiel dieser Beratungssitzungen möchte ich zeigen, wie die Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten dazu auffordert, sich selbst - und hier auch das kommende Kind - als optimierbares Risikprofil zu verstehen, und zu welchen Aporien diese ver-rückten Perspektive zwangsläufig führen muß.

Henning Schmidgen
Das Experimentalisierungsprojekt: Ansätze zu einer Kulturgeschichte der Lebenswissenschaften, 1830-1930

Aus Sicht der Geisteswissenschaften ist es eine der drängendsten Aufgaben, die neue Produktivität der "Biomacht" aufzuarbeiten, um die vielbeklagte Distanz der "zwei Kulturen" an diesem entscheidenden Punkt nicht noch größer werden zu lassen. Dem Begriff der "Experimentalisierung" kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Unter Experimentalisierung wird hier ein Prozeß verstanden, der Anfang des 19. Jahrhunderts europaweit einsetzt und der Wissenschaft, Kunst und Technik neu konfiguriert. Nachdem die experimentelle Physiologie sich als eine Leitwissenschaft des 19. Jahrhunderts etabliert hat, werden auch Psychologie und Sprachwissenschaft zu Unternehmungen im Labor. Auch an anderen Schauplätzen bilden sich Experimentalkulturen heraus. So entsteht eine Literatur, die mehr und mehr auf Verfahren des Automatismus, der Aleatorik und Kombinatorik zurückgreift. Neue Medien wie Photographie und Film verändern die Künste und die Wissenschaften. Die Großstädte insgesamt werden zu Experimentierfeldern, auf denen diverse Lebensversuche unternommen werden. Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich der Experimentalisierungsprozeß so weit entwickelt, daß durch die Hybridisierung von Verfahren und Qualifikationen sowie durch die zunehmende Miniaturisierung von Versuchsobjekten langsam "Molekularwissenschaften" entstehen, so in der Biologie und der Neuropsychologie, aber auch in der Sprachwissenschaft und, allgemeiner, im aufkommenden Strukturalismus. An Fallbeispielen aus der Physiologie und Psychologie des späten 19. Jahrhunderts (Protozoenforschung, Reaktionsversuche) werden die Perspektiven einer kulturwissenschaftlich informierten Auseinandersetzung mit der Geschichte der experimentellen Lebenswissenschaften erörtert.


Peter Strasser
Autonomie und Kreatürlichkeit

Jeder Mensch hat das unveräußerliche Recht, sich nicht als Kreatur eines anderen Menschen begreifen zu müssen. Ich nenne dieses Recht "das Recht auf Kreatürlichkeit". Während nämlich unsere Autonomie nicht schon dadurch eingeengt wird, dass wir uns als Geschöpfe Gottes oder der Natur begreifen, wird sie dadurch eingeengt, dass wir uns als Geschöpfe anderer Menschen, eben als Kreaturen, begreifen müssen. Unser normatives Bild vom Menschen ist deshalb am menschlichen Durchschnitt orientiert, weil im menschlichen Durchschnitt jene Eigenschaften klar hervortreten, die für die Idee der Kreatürlichkeit wesentlich sind. Tritt hingegen der Gentechniker als Demiurg in Erscheinung, dann will er jene Eigenschaften der Tendenz nach in eine Richtung verändern, so dass schließlich aus kreatürlichen Wesen Kreaturen werden, die nicht mehr autonom sein können.


Christoph Then
Gen-Patente im Jurassic Park

Unter dem Blickpunkt der Menschenwürde und der Umweltethik wird durch Patente, die sogar Teile des menschlichen Körpers, Säugetiere und Pflanzen umfassen, eine neues Kapitel aufgeschlagen: Wenn Lebewesen "geistiges Eigentum" von Gen-Firmen werden können, zu von Menschen gemachten Produkten umdefiniert werden, verlieren sie ihren Eigenwert. Michael Crichton schreint dazu in Jurassic Park über die Rechte der Dinosaurier: "Ein Tier, das ausgestorben ist und wieder zum Leben erweckt wurde, ist für alle praktischen Zwecke überhaupt kein Tier. Es kann keine Rechte haben. ..... Wenn es dennoch existiert, kann es nur etwas sein, was wir gemacht haben. Wir haben es gemacht, wir lassen es patentieren, uns gehört es."


Dieter Thomä
Anmerkungen zur Biopolitik

Der Erfolg der Bio- und Gentechnologie ist nicht nur ein wissenschaftliches, sondern auch ein kulturelles Phänomen - und zwar nicht nur deshalb, weil die wissenschaftliche Entwicklung unsere Moral vor neue Herausforderungen stellt, sondern auch deshalb, weil sie begleitet ist von Phantasien über ein neues Selbstverständnis des Menschen oder gar dessen Verwandlung in eine "spirituelle Maschine". Die Gentechnologien oder "Lebenswissenschaften" ziehen auch deshalb so viel Aufmerksamkeit auf sich, weil die herkömmliche Deutung des menschlichen "Lebens" an einem prekären, fragilen Modell orientiert war, das nun ins Schwanken kommt. Dieses Modell und dieses Schwanken gilt es zu analysieren. Dabei ist der Begriff "Biopolitik" hilfreich, mit dessen Hilfe man auf eine Dynamik stößt, die sich aus der Mitte unseres traditionellen Selbstverständnisses ergibt. Diese Dynamik zeigt freilich alle Symptome einer Krise, und diese Krise im menschlichen Selbstverständnis ist - neben den gentechnologischen Debatten im engeren Sinne - ein Problem für sich, das kritisch zu diskutieren ist.


Gerburg Treusch-Dieter
TRANSPFLANZUNGEN IM MENSCHENPARK. "Die Evolution in unserer Hand"

Die Moderne rekurrierte auf die Biologie und das Geschlecht, die Postmoderne rekurriert auf die Molekularbiologie und das Gehirn. Nicht mehr Fortpflanzung, sondern Einpflanzung, nicht mehr Keim-, sondern Stammzellen sind angesagt. Im Menschenpark wird vom Modell der Zucht auf das der Steuerung umgestellt. Organisches und Kybernetisches wächst zusammen, als ob es zusammengehört: "Dank der Entdeckungen in der Genetik, Neurobiologie und Embryologie hat der Mensch zum ersten Mal die Macht in Händen", so ein Unesco-Papier, "in den Entwicklungsprozess des Lebens, einschließlich seines eigenen, verändernd einzugreifen". Eben darum fragt der Vortrag auch, inwiefern dabei der Bock zum Gärtner gemacht wird?


Christoph Türcke
Eugenik. Rehabilitierung eines verrufenen Begriffs

In der Gentechnologie-Debatte ist Eugenik zu einem der Schreckbegriffe geworden. Dabei stand er früher einmal, wie der altmodische Name "Eugen" noch andeutet, für etwas durchaus Erstrebenswertes. Erst sein Missbrauch hat ihn in Verruf gebracht.


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