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> Gerhard Rühm > schwellenchronik der jahrtausendwende


die absicht, der jahrtausendwende – einem immerhin nicht eben häufigen kalendarischen ereignis – eine spezielle literarische arbeit zu widmen, liegt mehrere jahre zurück. anfangs dachte ich an einen längeren prosatext, etwa in tagebuchform mit eingestreuten zeitungsmeldungen. doch je näher der ins auge gefasste termin rückte, umso entschiedener reduzierte sich das projekt auf presseberichte aus dem zeitraum von zwei wochen: auf sechs signifikante tagesmeldungen vor und ebenso viele nach sylvester 2000.
die schliesslich ausgewählten zeitungsartikel wurden einer zweistimmigen rhythmisierung unterzogen, wobei die erste stimme jeweils den durchlaufenden text vorträgt, während die zweite ihn dazu kanonisch oder vorwegnehmend parzelliert. aus dem ursprünglich geplanten prosatext wurde auf diese weise ein "konzertantes" sprechstück, zuletzt noch angereichert durch musikalische komponenten: die artikelüberschriften werden – durch übertragung des alphabets auf die chromatische skala – auf einem elektro-piano (orgelregister) gespielt, zudem intonieren drei frauenstimmen gegen schluss jedes sprechtextes, diesen gewissermassen schutzengelhaft verklärend, leise einen dreiklang. der periodische wechsel von dur und moll dabei kann als puristisch pointiertes klangmodell vielfältig wirksamer positiv-negativ-relationen (yin und yang) verstanden werden. die gesangseinlagen sind also nicht bloss klangdekor, sondern haben innerhalb des ganzen auch aussagefunktion.
die flucht vor krasser realität führt häufig in illusionäre wunsch- und scheinwelten, die, wie die verführungsmacht von konfessionen und ideologien zeigt, bis zu selbstopferungen und fanatischen massenschlächtereien für wahr genommen werden. das resultat ist wieder grausame realität.
die kunde, dass der papst das jahr 2000 zum "heiligen jahr" und zugleich sämtliche würge-, kriegs- und todesengel für abgeschafft erklärte, veranlasste mich, als sozusagen irrationales kontrastthema – wenn auch nur in randglossen – die angelologie (engelskunde) einzuführen. drei der tagesberichte beziehen sich zudem ja auch auf kirchliches.
die propagierung des jahreswechsels 1999/2000 seitens der medien und der vergnügungsindustrie als spektakuläres jahrtausendereignis gründet sich, wie kalendarische jahrestage überhaupt, auf schierer fiktion. weder geht eines datums wegen die welt unter, noch wird sie besser, wie auch der alterungsprozess sich nicht in geburtstagssprüngen vollzieht. die stets erneute mischung von skurrilitäten, schurkereien, bedrohungen und katastrophen beherrscht kontinuierlich in sich ähnelnder weise die spalten der tagespresse. diesen täglichen wahnsinn, aus dessen gewöhnung seine allgemeine akzeptanz als das "normale" herrührt, belegt die textauswahl und -zubereitung wohl ebenso wie ihre eignung zu artifizieller sublimierung.

Gerhard Rühm


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