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> Gerhard Rühm > aus den letzten tagen gotamo buddhos


aus den letzten tagen gotamo buddhos – von jenen meiner musikalischen arbeiten, die aus einem text entwickelt sind, den sie in lauttonzuordnungen musikalisch transformieren, markiert "aus den letzten tagen gotamo buddhos" ein spezifisches und radikales beispiel. radikal insofern, als das stück so konsequent aus dem von drei sprecherinnen rezitierten text abgeleitet ist, dass man hier von komponierter musik im üblichen sinn nicht mehr sprechen kann. nach erstellung eines umfassenden zuordnungskonzepts organisiert sich die musik weitgehend von selbst. wenn man dabei an die theorie der "selbstorganisation des universums" denkt, wird man in der künstlerischen anwendung einer derart rigorosen methode auch einen weltanschaulichen aspekt erblicken, sogar eine semantische dimension in der musik entdecken können. freilich kann man darin auch eine achtungsvolle haltung gegenüber der vollkommenen sprachgestalt des textes sehen – eine haltung, die das eigentlich "religiöse" moment dieser arbeit ausmachen mag. der "tonsetzer" stellt seine emotionale person bewusst hinter die vorlage zurück, folgt nur ihrem zu meditativer rezeption animierenden charakter, wenn er sie in eine reine klangdimension transzendiert, die jenseits der begriffe schwingt. wie er das tut, darin aber besteht seine persönliche annäherung und kreative auseinandersetzung mit dem text. die musikalische umsetzung ist hier geprägt durch die strikte verwendung der ganztonskala, die mir der entspannten und wohlgegliederten bewegung der ruhigen rede besonders angemessen erscheint, sowie durch kontinuierlich wechselnde symmetrieverhältnisse im zentralen klavierpart (um nur zwei musikalische ausgangssetzungen zu nennen). wenn sich nun die litaneihaft repetierten wortfügungen getreulich auch in der vertonung widerspiegeln, wird allerdings dem hörer, in unserer durch reizüberflutung und hektischen oberflächenkonsum charakterisierten zeit, ein stärkeres mass an einfühlung und bereitschaft zur kontemplation abverlangt. der verwendete text stammt aus den "reden gotamo buddhos" in der klassischen übertragung von karl eugen neumann. im vorwort schreibt der herausgeber: "Die Pali-Texte sind rhythmische Kunstwerke, worin jeder Silbe ein bestimmter Lautwert zufällt. Wenn ein Wesen moralisch und geistig die höchste Höhe erreicht, dann wird ihm auch sprachlich alles zu Rhythmus und Melodie. In Rodins Testament steht der schöne Satz zu lesen: ‚Ich liebe das menschliche Bestreben, das sich durch regelmäßige Wiederholung unablässig steigert. Die Säulen der Kathedrale verzehnfachen ihre Grazie, indem sie einander folgen und sich vereinigen.‘ Das gilt auch für die Reden Gotamo Buddhos, die wie Säulentempel gebaut oder wie Fugen gesetzt sind. Fugenartig sind ihre Wiederholungen und dürfen vom Leser nicht übergangen werden, wenn anders er zum Verständnis und zum Genusse des Ganzen kommen will."
in der zen-lehre des meisters huang-po, einer chinesischen schrift aus dem 9. jahrhundert, fand ich ein zitat, das sich auf überraschende weise als motto zu diesem stück anbietet: "das ganze sichtbare weltall ist buddha, so auch alle klänge. halte an einem prinzip fest, dann sind alle anderen identisch."

Gerhard Rühm


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